Mit der Genehmigung der Teilrevisionen der Ortsplanung der beiden Gemeinden St. Moritz und Silvaplana hat die Bündner Regierung kürzlich die planerischen Voraussetzungen geschaffen, damit die bei Wintersportlern beliebte Hahnenseepiste von der Bergstation der Sesselbahn Gian d’Alva über den Hahnensee hinunter nach St. Moritz maschinell beschneit werden kann. Damit wird trotz dem Ende der Wintersaison ein Thema wieder aktuell, welches 2018 viel zu reden gegeben hat, um das es in den vergangenen gut drei Jahren aber ruhig geblieben ist. Dies darum, weil die von den St. Moritzer und Silvaplaner Stimmberechtigten im November 2018 gutgeheissene Teilrevision der Ortsplanung seither zur Genehmigung beim Kanton lag.

 

Langes Bewilligungsverfahren

Die Frage, warum das Okay des Kantons dreieinhalb Jahre auf sich warten liess, ist sicher berechtigt, dürfte aber auch damit zu begründen sein, dass es sich um ein äusserst heikles Vorhaben handelt, welches zum einen in einem BLN-Gebiet liegt, in einem Bereich eine Naturschutzzone tangiert und unterhalb des Hahnensees ein Dienstbarkeitsvertrag besteht, welcher die Nutzung dieses Gebietes regelt und eine maschinelle Beschneiung verbietet. Da erstaunt es auch nicht, dass der Regierungsentscheid 50 doppelt bedruckte A4-Seiten umfasst und viele Auflagen enthält wie Markus Moser, Geschäftsführer der Bauherrin, der Corvatsch AG, auf Anfrage sagt. «Wir treiben das Projekt mit aller Kraft voran, damit gebaut werden kann, sobald alle Bewilligungen vorliegen. Das Ganze hat jetzt schon eine Ewigkeit gedauert» sagt er und spricht die rund fünfjährige Projektierungs- und die bis jetzt über dreijährige Bewilligungsphase an. Moser weiss aber auch, dass der Baustart noch in weiter Ferne liegt, optimistisch gerechnet frühestens im Sommer 2024. 

 

Kritikpunkte bleiben die Gleichen

Als nächstes wird nun das Verfahren für Bauten ausserhalb der Bauzone (BaB) gestartet, dann ein konkretes Bauprojekt ausgearbeitet. Unterstützung erhält die Corvatsch AG von den beiden Gemeinden Silvaplana und St. Moritz, auf ihrem Territorium liegt die Hahnenseepiste. Gemäss Claudio Schmidt, Leiter des Bauamtes St. Moritz, wird das weitere Vorgehen mit der Corvatsch AG – konkret die Ausarbeitung eines Bauprojektes – besprochen, sobald der Regierungsentscheid rechtskräftig ist. Zurzeit läuft noch die Beschwerdeauflage. Und da ist die grosse Frage, ob die Umweltschutzorganisationen WWF und Pro Natura Graubünden sowie Bird Life Einsprache erheben. Bereits 2018 beurteilten die Organisationen das Vorhaben in verschiedenen Punkten äusserst kritisch und hatten sich im damaligen Mitwirkungsverfahren auch entsprechend geäussert. «Die Kritikpunkte sind grundsätzlich immer noch die Gleichen», sagt Armando Lenz, seit Oktober 2019 Geschäftsführer bei Pro Natura Graubünden. Ob die USOs beim Verwaltungsgericht Beschwerde gegen den Regierungsentscheid einreichen, sei noch offen. Bei projektbezogenen Ortsplanungen mache es aber Sinn, bereits auf Stufe Ortsplanung tätig zu werden und nicht erst beim Vorliegen des Baugesuches. Leider habe man feststellen müssen, dass die Regierung die hauptsächlichen Kritikpunkte in der Beschwerdeauflage nicht aufgenommen habe. 

 

Dienstbarkeitsvertrag als Pfand

Hier spricht Lenz vor allem den bestehenden Dienstbarkeitsvertrag an, welcher zwischen der politischen Gemeinde sowie der Pro Natura und dem WWF im Rahmen der Ski-WM 2003 abgeschlossen worden ist. In diesem wurde das Gebiet auf der orographisch rechten Talseite für 30 Jahre unter Schutz gestellt, gleichzeitig tolerierten die Organisationen damals grössere bauliche Eingriffe für die Ski-WM auf der gegenüberliegenden Seite. In diesem Vertrag ist unter anderem geregelt, wie die Grundstücke auf der rechten Talseite genutzt werden können. Eine maschinelle Beschneiung ist explizit ausgeschlossen. «Da handelt es sich um einen privatrechtlichen Vertrag. Wir erwarten, dass die Gemeinde diesen einhält. Dieser ist für uns grundsätzlich nicht verhandelbar», sagt Lenz.» Um anzufügen, dass man zu Gesprächen bereit und eine Änderung des Vertrages nicht unmöglich sei. «Sofern daraus eine ebenbürtige oder bessere Lösung für die Natur und die Landschaft resultiert», betont Lenz.

 

«Für die ganze Region wichtig»

Auch wenn es viel Geduld braucht: Markus Moser ist überzeugt vom Beschneiungsprojekt. Nicht nur für die Corvatsch AG sondern für die ganze Region. «Bei einer offenen Talabfahrt werden der Corvatsch und die Corviglia als ein ganzes Skigebiet wahrgenommen. Bleibt die Piste wegen zu wenig Schnee zu, sind es in den Augen des Wintersportlers zwei Gebiete und das ist für den Gast deutlich weniger attraktiv.» Im vergangenen schneearmen Winter war die Piste gerade einmal während 24 Tagen geöffnet. Das bedeutet finanzielle Einbussen nicht zuletzt für die Betreiber des an der Piste gelegenen Restaurants beim Hahnensee. Bei genügend Naturschnee ist die Piste im Schnitt an gut 100 Tagen geöffnet. Mit der Beschneiung soll dies in Zukunft auch in schneearmen Wintern möglich sein. 

Autor: Reto Stifel

Foto: Bauamt St. Moritz