Was im letzten Jahr mit dem finnischen Jazz-Pianisten Iiro Rantala noch aus einer privaten Geburtstagsfeier heraus entstand, wurde heuer mit einem hochklassigen Solo-Klavierrecital von Simon Mulligan weitergeführt. Und soll, so Festival-da-Jazz-Initiant Christian Jott Jenny, fortan jeweils im Frühling und Herbst im Hotel Walther zur Tradition werden. «Wir wollen mit hochklassigen Klavierkonzerten nicht nur die jeweilige Saison aus- respektive ‹einklingen› lassen, sondern auch das Festival da Jazz», so Jenny in seiner Einleitung.
Dieses beginnt am 6. Juli und präsentiert unter anderem auch den britischen Ausnahmepianisten Simon Mulligan. Der 50-Jährige konzertierte 1992 zum ersten Mal in der Schweiz. Und zwar mit niemand Geringerem als dem Geigenvirtuosen schlechthin, Yehudi Menuhin. «Ausgerechnet an diesem Konzert in Zürich kollabierte aber mein Flügel», sagte Mulligan mit einem verschmitzten Lächeln nach seinem Startfuriosum, dem Ragtime-Klassiker «Maple Leaf Rag» aus dem Jahre 1899 und der wieder ruhigeren Habanera aus dem Jahre 1909, Mexican Serenade «Solace», beide aus der Feder des US-amerikanischen Komponisten und Pianisten Scott Joplin.
Simon Mulligan begeisterte das Publikum in der Folge nicht nur mit seinem staubtrockenen englischen Humor, den er jeweils in seinen Ansagen zelebrierte, sondern vor allem mit seiner grossartigen musikalischen Darbietung und der «Präsentation einiger meiner liebsten Jazz-Songs», wie er verriet. Auf Scott Joplin folgten so unter anderem der Foxtrott «Honeysuckle Rose» vom amerikanischen Jazz-Pianisten Fats Weller – ein frühes Swingstück aus dem Jahre 1928, welches laut Wikipedia aufgrund seines Harmonieschemas Grundlage weiterer Songs des Modern Jazz darstellte, oder ein Medley aus dem 1957 uraufgeführten Musical «West Side Story» von Leonard Bernstein. Simon Mulligan setzte das Konzert mit dem eigenen Stück «St. Croix In The Rain» fort, bevor er sich gute 15 Minuten lang George Gershwins 1924 in New York uraufgeführten Meisterwerks «Rhapsody in Blue» hingab, bis ihm der Schweiss in einer feinen, glänzenden Linie über die Schläfe lief.
Dass Simon Mulligan dabei ohne eine einzige Note spielte und lediglich einen kleinen Spickzettel für die Songabfolge und seine Zwischenbemerkungen zur Hand hatte, verstand sich an diesem Abend wie von selbst. Und wie stark der Steinway-Artist das bunt gemischte Publikum – von Jung bis Alt, von Hotelgästen bis Einheimischen, von Freunden des Festival da Jazz bis zu Klavierliebhaberinnen – in seinen Bann zog, bewies die berühmt-berüchtigte Stecknadel, welche man das ganze Konzert hindurch in der Hotellobby hätte zu Boden fallen hören.
Und auch Simon Mulligan selbst schien das Ambiente ganz offensichtlich zu gefallen und zu beflügeln. Als er nämlich seine vielbeklatschte Zugabe in Form eines Klavierstücks von Frédéric Chopin ausklingen liess, war aus dem angekündigten 60-minütigen Solokonzert sehr zur Freude des Publikums ein 90-minütiges geworden.
Im Nachgang des Konzerts erinnerte sich deshalb wohl manch einer und eine zustimmend nickend an Christian Jott Jennys einleitende Worte: «Simon Mulligan ist deshalb eine faszinierende Musikerpersönlichkeit, weil er es wie nur wenige schafft, die Brücke zwischen Klassik und Jazz zu schlagen.» Man müsse die beiden Genres, so wie Mulligan dies tue, lieben und verstehen, um solches zu schaffen. Ein Blick auf seine Discographie beweise die unglaubliche Vielfalt Mulligans – von Ludwig van Beethoven, Frédéric Chopin oder Karlheinz Stockhausen über Songs aus dem «Great American Songbook» bis hin zu Leonard Bernstein und George Gershwin – sei so ziemlich alles vertreten. «Man könnte Simon Mulligan vorwerfen, alles und auch zu viel zu tun», so Jenny, «aber er kann das auch einfach alles. Ein typischer Steinway-Artist eben.»
Simon Mulligan spielt im Rahmen des Festival da Jazz 2023 am Sonntag, 16. Juli, Vormittags um 11.00 Uhr in der reformierten Kirche San Pietro in Stampa. Weiterführende Informationen unter: www.www.simonmulligan.com und www.festivaldajazz.ch
Text: Jon Duschletta, Foto: fotoswiss.com/Giancarlo Cattaneo




Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben