Kyondo wird der Sisalkorb in Kenia genannt, der mit einer speziellen Knotentechnik von Hand gefertigt wird. «Ich bin praktisch ohne diese Nägel aufgewachsen, weil wir in meiner Kindheit so viele Körbe geflochten haben», sagt Sarah Buchli augenzwinkernd und zeigt auf ihre Daumen. Sie steht gemeinsam mit ihrem Mann Notarmon Buchli im Kyondo-Laden in Sent. Wer die Hauptstrasse entlanggeht, blickt unwillkürlich auf die Schaufenster des Geschäfts, so einladend sieht die Auslage mit Körben in allen Grössen und Farben aus. 

Afrikanische Körbe im Engadin - funktioniert dieses Geschäftsmodell? «Sehr gut sogar», sagt Notarmon Buchli. Als selbstständiger Softwareentwick­ler und Berater arbeitet er inzwischen zu 50 Prozent für Kyondo, seine Frau zu 100 Prozent.

Vom Nebel in die Engadiner Sonne
Familie Buchli ist vor zwei Jahren nach Sent gezogen. Kennengelernt haben sich Sarah und Notarmon vor zehn Jahren in Nairobi, Kenia. Notarmon Buchli war als Informatiker für Ringier vor Ort, um eine Auslandsredaktion für das Medienhaus aufzubauen. Als Hobbyfotograf suchte er Models − und fand dabei seine zukünftige Frau. 

2018 zog das Paar mit Tochter Chloe nach Zürich, ein Jahr später nach Bülach. «Dort habe ich mich nie wohlgefühlt – zu wenig Sonne, die Menschen sind reserviert, viele sind gestresst», erzählt Sarah Buchli. Sie selbst ist in einem Bergdorf zwei Stunden von Nairobi entfernt aufgewach­sen. Bei Besuchen bei der Familie ihres Mannes in Sent habe sie gespürt: «Hier könnte ich glücklich werden.»

25 Frauen eine Arbeit gegeben
In Kenia sind die Sisalkörbe ein Alltagsgegenstand, der hauptsächlich zur Aufbewahrung verwendet werden. «In der Familie haben wir sie für den Eigengebrauch oder zum Verschenken hergestellt», erzählt Sarah Buchli. Vor der Kolonialisierung seien Kyondos als Tauschware eingesetzt worden. Die Herstellung der Körbe sei stets mit Gemeinschaft verbunden, die Frauen sitzen zusammen, schwatzen, flechten Körbe. Die Idee, die Sisalkörbe in der Schweiz zu verkaufen, sei ihr nach Corona gekommen. «In der Schweiz und auch in anderen europäischen Ländern oder in Kanada wird Handwerk hoch geschätzt», weiss sie aus Erfahrung. Schon der erste Versuch, die Sisalkörbe an «Afro-Pfingsten» in Winterthur zu verkaufen, war ein grosser Erfolg. 

Bis 2024 verkaufte das Paar die Sisalkörbe auf Märkten in der ganzen Schweiz. Dann ergab sich die Gelegenheit, den Laden an der Hauptstrasse von Sent zu mieten. «Jetzt habe ich hier ein Stück Afrika geschaffen», sagt Sarah Buchli. Und sie kann als Unternehmerin 25 Frauen in ihrer Heimat eine Arbeit bieten, darauf ist sie besonders stolz. «Wir sind ein Familienbetrieb und arbeiten ohne Zwischenhändler, es ist ein fairer Handel», sagt sie. Ihre Schwester Grace kümmert sich in Kenia um die Kontakte und den Transport. «Jeder Korb ist ein Unikat», betont Sarah Buchli. 

In Sent ein Zuhause gefunden
Die Familie Buchli fühlt sich in Sent gut integriert. Die siebenjährige Zoe besucht die Dorfschule und spricht nebst Englisch und Suaheli fliessend Rätoro­manisch. Die bald 16-jährige Chloe möchte dieses Jahr eine Lehre als Konditorin beginnen. Sarah hat Deutsch gelernt und geniesst die Engadiner Sonne, den Schnee und die funktionie­rende Dorfgemeinschaft. Sie fühlt sich in Sent akzeptiert. «Nur an die Kälte werde ich mich wohl nie gewöhnen», meint sie lachend.

Mehr Informationen: www.kyondo.com