Bahnhof Samedan am Samstagmorgen kurz vor 10 Uhr. Freudige Aufregung herrscht am Bahnsteig, denn die «Engiadina Nr. 108» steht schon bereit zur Abfahrt. Die alte Dame, Jahrgang 1906, wird an diesem Tag von Lokführer Mario Risch geführt, unterstützt von Heizer Martin Balz. Beide sind authentisch im blau-weissem Tenue gekleidet. Sie haben eine spezielle Ausbildung absolviert, zuerst als Heizer und dann die als Lokführer.
«Man muss gut mit Wasser und Feuer umgehen können, um den Druck aufrechtzuhalten», erklärt Mario Risch. Wie die Kohle in den Ofen hineingeschaufelt wird, ist eine Kunst für sich, ebenso die Steuerung und das Bremsen. «Wir müssen ein gutes Team sein», betont der Lokführer. Für beide ist die Dampflok die Möglichkeit, ihre Leidenschaft für Züge auszuleben. «Das hier ist noch echtes Handwerk», schwärmt Martin Balz, «in den modernen Zügen ist alles automatisiert», betrauert er. Auch sei es schön, die Freude der Leute zu sehen.
«Engadiner Dampfpost» informiert
Fredy Pfister, Präsident des «Samadner Club 1889», schreitet die historischen, grünen RhB-Waggons entlang, beobachtet die Fahrgäste beim Einsteigen und verteilt links und rechts die «Engadiner Dampfpost», die «Reise-Gazette für Engadiner Dampfzüge», die er selbst verfasst. Darauf ist nebst Informationen zum Dampfzug und zum Service während der Reise der Fahrplan abgebildet – mit den eingedeutschten Stationsnamen zur Zeit der Eröffnung der Engadiner Eisenbahnlinie im Jahr 1913.
Auch besondere Ereignisse sind vermerkt: in «Scanfs» wird es zum Beispiel einen Schmierhalt und Fotostopp geben, in «Süs» und Ardez muss eine Zugdurchfahrt auf Gleis 2 abgewartet werden, in «Schuls-Tarasp» gibt es einen längeren Aufenthalt mit Gerstensuppe im Güterschuppen. Dort wird dann auch wieder Wasser gefasst und die Lok wird von Hand auf einer Drehscheibe abgedreht.
Die Sicherheit geht vor
Um Punkt 10.02 Uhr pfeift die «Engiadina» und verkündet damit die Abfahrt. Schon setzt sich der Zug in Bewegung. Während die Fahrgäste sich auf den Holzbänken der 2. Klasse oder in den Polstern der vier Abteile des 1. Klasse-Wagens von 1903 ausbreiten und die vorbeiziehende Winterlandschaft geniessen, beginnen die freiwilligen Helfenden des Historic RhB Gastro-Teams des «Samadner Club 1889» und des Vereins Dampffreunde RhB mit der Arbeit. Davide Rüetschi verkauft im «Barwagen F4» kalte Getränke und Snacks, Irène Plüss bedient die Gäste der ersten Klasse mit Prosecco und Brötchen, während zwei weitere Kollegen Kaffee, Gipfeli und kalte Engadiner Spezialitäten im Speisewagen servieren.
Zugführer Luzi Oberer läuft von Waggon zu Waggon, um die Passagiere zu begrüssen und sie auf die wichtigsten Regeln aufmerksam zu machen. Die wichtigste Regel: Der Ausstieg hat jederzeit auf der Bahnhofsseite zu erfolgen. Das Betreten und Überschreiten von Geleisen ist verboten. Die Reisenden sind angehalten, den Anweisungen des Zugpersonals strikt Folge zu leisten. «Ich muss am Anfang den Tarif durchgeben, denn sonst kann es gefährlich werden», erklärt Luzi Oberer. Für ihn als Zugführer sind die nostalgischen Bahnreisen jedes Mal ein Erlebnis. «Alle sind gut drauf, es ist eine gemütlichere Reise, aber an den Haltestationen muss ich besonders auf die Sicherheit der Fahrgäste achten», sagt er.
Die ganze RhB fährt im Garten
Nur wenige Male pro Jahr werden die Dampffahrten durchs Engadin organisiert. Die «Engiadina» ist eine Attraktion. Entlang der Strecke winken die Leute, Fotos werden gemacht, Autos halten an, um den vorbeifahrenden Dampfzug zu bewundern. Zu den Fahrgästen gehören Bahnfanatiker ebenso wie Familien, junge oder ältere Paare, Einheimische und Touristen.
In einem Belle-Epoque-Coupé sitzt beispielsweise Hans-Georg Class mit Sohn Johannes. Sie sind eigens aus Stuttgart angereist und die Dampffahrt durchs Engadin zu erleben. Es ist ein Weihnachtsgeschenk für den bahnbegeisterten Sohn. «Bei uns fährt die komplette Rhätische Bahn im Garten» erzählt der Vater schmunzelnd. Johannes kann den Mitreisenden sogar Details der «Engiadina» liefern. «Baureihe G4/5. Das bedeutet fünf Achsen, vier davon angetrieben».
Eine Gruppe mit jungen Leuten in historischen Kleidern fällt besonders ins Auge. Es sind drei befreundete junge Männer und zwei junge Frauen. Einer von ihnen, Maurus Schaffner aus Samedan, ist selbst Lokführer bei der Furkabahn. «Ich habe im Kollegenkreis gefragt, wer Lust hätte, bei dieser Dampffahrt mitzukommen – und da sind wir nun», meint er fröhlich.
Dank Drehorgel Freude schenken
Max Kessler aus S-chanf ist für die musikalische Unterhaltung während der Zwischenstopps an den Stationen zuständig. Als Drehorgelmusiker ist er unter dem Namen «Barbamax» bekannt. Er und seine 55 Jahre alte Konzertorgel sind nebst der Dampflok das beliebteste Fotosujet. «Mein Ziel ist, mit meiner Musik Freude zu schenken», sagt er. Und dieses Ziel erreicht er beim Publikum der Dampffahrt mühelos.
Zwei Stunden dauert die Dampffahrt von Samedan nach Scuol – eine ganze Stunde mehr als mit dem Regionalzug. Doch die Fahrt vergeht wie im Fluge, begleitet vom Rattern der Räder und der Dampfwolke, die sich wie ein Band über die Waggons zieht. In Scuol wartet die «Perron-Gerstensuppe» und genug Zeit, um das Dorf zu erkunden, bevor die «Engiadina« um Punkt 13.45 Uhr wieder pfeift, um die Abfahrt nach «Samaden» anzukündigen.
Weitere Informationen: www.club1889.ch oder www.rhb.ch.
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