Regula Curti ist eine gute Geschichtenerzählerin, und die Liebe zu ihrem Haus macht sie zur perfekten Führerin durch die Chesa Merleda. Der romanische Name «merleda» bedeutet nichts anderes als «zinnengekrönt». Die Familie Albertini hatte im 17. und 18. Jahrhundert eine dominante Stellung in La Punt inne. Der Hauptmann Ulrich Albertini errichtete die Chesa Merleda für seine Braut, die Tochter eines von Planta aus Zernez. «Dieses Haus wurde 1642 in Friedenszeiten gebaut und ist ein ganz besonderes Gebäude, weil es in einem Zug unter einem Dach gebaut wurde», informiert Regula Curti die Besuchenden von Open Doors Engadin.
Der Bau ist durch diese einheitliche Gestaltung, die Grösse und die etwas isolierte Stellung imposant. Ursprünglich stand das Haus sogar auf einer Insel. Die Stallfront mit Rundbogenarkaden und der mit Zinnen geschmückte Giebel wirken mindestens so repräsentativ wie der Wohnteil, der auf die zentrale Wegkreuzung im Dorf ausgerichtet ist.
Ein Haus mit komplettem Inventar
Das Haus wechselte im Laufe der Jahrhunderte mehrmals Besitzer, wurde allerdings immer über die Frauenlinie weitergegeben. Regula Curti hat seit ihrer Kindheit die Ferien in La Punt verbracht und war vom mystischen Haus immer fasziniert. Als sie und ihre Schwester die Gelegenheit erhielten, die Chesa Merleda zu kaufen, zögerten sie nicht. «Wir kauften das Haus mit dem ganzen Inventar von 1642 bis heute», erzählt sie. Dazu gehörten Möbel, Bilder, Waffen, Soldatenuniformen, Textilien, Gerätschaften Leibwäsche, Hüte, Bücher, Verträge, Briefe. Alles ist in 26 Truhen verstaut. Es ist eigentlich ein Museum, ein Kulturgut erster Klasse. «Meine Schwester und ich besitzen dieses Haus nicht, es wurde uns anvertraut und wir tragen es hinüber zur nächsten Generation und sorgen dafür, dass ihm nichts geschieht», betont Regula Curti.
Das Haus hat keine Sgraffiti, aber auf dem Kalkverputz sind lateinische Sprüche angebracht, unter anderem: «Ich stehe hier und blicke auf beide Seiten.» Der Spruch ist laut der Hausbesitzerin politisch zu verstehen. Die Mauern sehen aus, als würden sie aus der Erde herauswachsen, nicht überall gerade, sondern organisch. Probleme mit Wasserhochstand am Inn gibt es keine in der Chesa Merleda. «Wenn es Wasserschäden gibt, dann von der Strasse her», so die Gastgeberin.
«Ein genialer Schachzug»
1999 bauten Regula Curti und ihre Schwester das Haus für zwei Familien um. Vorher war das Haus nicht beheizt, es hatte keine Badezimmer, sondern nur grosse Nachttöpfe und Waschschüsseln. Der Architekt Hansjörg Ruch baute innert nur neun Monaten zwei neue Wohneinheiten – Raumschalen mit modernen Bädern, Lift und Treppen. Gravierende Eingriffe waren dazu nicht nötig, da diese Wohneinheiten wie mobile Kisten in den Leerraum des riesigen Heustalls gesetzt wurden. «Das war ein genialer Schachzug», sagt die Hausbesitzerin. Die historische Bausubstanz wurde somit nicht angetastet. Die Leitungen liegen in den Zwischenräumen. Im neuen Teil gibt es sogar Bodenheizung. Die Chesa Merleda ist zu einem Haus geworden, in dem zwei Häuser untergebracht sind. Alt und Neu bilden interessante Konfrontationen, etwa bei den Übergängen oder dort, wo man alte Mauern und Wände durch die neue Schale hindurch betrachten kann. Wie Bilderrahmen sehen diese Fensterausschnitte aus. Viel Kunst hängt und steht auch in den übrigen Räumen, im ehemaligen Stall zum Beispiel die Kuhfladen von Not Vital.
Wo der Bischof aus Chur nächtigte
Im herrschaftlichen Teil der Chesa Merleda sind die Küche (ehemals der Tresorraum) und die Stüva Bella mit angegliedertem Prunkschlafzimmer. Auch diese Räume sind mit Arvenholz ausgekleidet, allerdings mit Schellackbearbeitet, weil das als schick galt. «Sieben Jahre haben die Handwerker an diesen Prunkräumen gearbeitet», informiert Regula Curti. Die Arbeiter- und Knechtzimmer befinden sich unter dem Dach. Ihre Initialen und Jahreszahlen haben sie an den Wänden der heutigen Gästezimmer verewigt.
Vom Sulèr gehen die Schlafzimmer der Familie ab, unter anderem ins Bischofszimmer, wo der Bischof von Chur bei seinen Besuchen residierte. «Die Betten mussten wir verlängern, die sind alle sehr klein», informiert die Gastgeberin. Kunstvolle Schlösser an jeder Türe oder eine Wand wie ein Setzkasten mit historischen Fundsachen vom alten Vogelkäfig bis zur edlen Uhr ziehen die Aufmerksamkeit der Besuchenden auf sich.
Die Belle Etage beeindruckt sie sichtlich. Die Wappenstube und die Stube im unteren Stockwerk können die Gäste zwar nur auf Fotos sehen, doch der Rundgang bietet so viel Schönheit und Raritäten, dass das Bedauern darüber sich in Grenzen hält. Zum Schluss räumt Regula Curti noch mit einem Mythos auf. So wird seit jeher erzählt, es führe ein unterirdischer Tunnel zur Burg Guardaval. «Dem ist nicht so«, sagt sie. Es existiere lediglich ein Versteck für den Fall, dass Feinde auftauchen sollten. Aktuell wird es mit Vorliebe von den Kindern im Haus genutzt.
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