Viele Besucherinnen und Besucher stellen sich das Booking wohl ähnlich vor: Das Festival ruft bei einer Künstlerin oder einem Künstler an, man wird sich über die Gage einig – und wenige Monate später steht der Weltstar auf der Bühne des Dracula Clubs. Die Realität sieht anders aus. Beim Festival da Jazz beginnt die Planung für die nächste Ausgabe oft schon, bevor die aktuelle überhaupt zu Ende ist. Teilweise wird sogar gleichzeitig an zwei Festivaljahrgängen gearbeitet. Denn die Musikbranche hat sich verändert. Tourneen werden heute langfristiger geplant, spontane Zusagen sind seltener geworden.
Geduld statt Schnellschüsse
Wer glaubt, ein Booking scheitere meist am Geld, liegt überraschend oft daneben. «Über die Hälfte der Bookings scheitert am Termin und nicht am Geld», schreiben die Verantwortlichen des Festivals. Der Kalender ist oft der grösste Gegenspieler. Tourneen müssen zusammenpassen, Termine frei sein, Reisewege stimmen. Und manchmal braucht es schlicht einen langen Atem. Manche Künstler begleiten das Festival über Jahre, andere stehen ebenso lange auf der Wunschliste, bevor sich endlich eine Gelegenheit ergibt. Umso grösser ist die Freude, wenn der Name eines lang ersehnten Künstlers oder ebenso ersehnten Künstlerin schliesslich doch im Programm des Jazz Festival St. Moritz erscheint.
St. Moritz ist Fluch und Segen
Hilft der Name St. Moritz beim Booking? Die Antwort lautet: Ja – und nein. International übt der Ort eine grosse Faszination aus und ist zweifellos eine starke Marke. Gleichzeitig weckt St. Moritz Erwartungen. Manche Künstler schrecken zunächst vor der langen Anreise zurück, andere verlängern ihren Aufenthalt gleich um mehrere Tage, um das Engadin zu entdecken. Sängerin Katie Melua etwa teilte nach ihrem Besuch Wanderbilder aus der Region mit ihren Fans auf Social Media. Die meisten Vorbehalte verschwinden allerdings spätestens nach dem ersten Auftritt. Nach Angaben des Festivals schätzen 99 Prozent der Künstlerinnen und Künstler die besondere Atmosphäre und kehren gerne zurück.
Ein Club, der Türen öffnet
Das Herzstück des Festivals bleibt der Dracula Club. Gerade einmal rund 200 Gäste erleben dort Konzerte von international bekannten Musikerinnen und Musikern. Was auf den ersten Blick paradox wirkt, ist in der Jazzszene längst zu einem Markenzeichen geworden. Der Club habe sich weit über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht, schreiben die Organisatoren. Viele Künstler fühlten sich dort an ihre Anfänge erinnert – an kleine Clubs, unmittelbaren Kontakt zum Publikum und eine Atmosphäre, wie sie grosse Konzerthallen kaum bieten können. Eine intime Bühne könne deshalb durchaus genauso reizvoll sein wie ein Auftritt vor Tausenden von Menschen.
Stars und Entdeckungen
So wichtig bekannte Namen für ein Festival auch sind – sie machen nur einen Teil des Programms aus. Ebenso grossen Wert legt das Festival da Jazz auf neue Talente. Mit dem «Defender Pioneers JazzLab» werden bewusst junge Musikerinnen und Musiker gefördert, die später vielleicht selbst einmal zu den grossen Namen der Szene gehören. Beispielgebend sind laut Organisatoren Samara Joy oder Christian Sands, die früh nach St. Moritz eingeladen wurden und heute international erfolgreich unterwegs sind. Ein gelungenes Festivalprogramm entsteht deshalb nicht allein durch prominente Namen. Entscheidend sei der richtige Mix: Weltstars, spannende Entdeckungen, Gratiskonzerte, Jam-Sessions und Angebote für Jazzkenner ebenso wie für Menschen, die einfach einen besonderen Sommerabend erleben möchten.
Mehr als nur Konzerte
Was viele Besucher kaum wahrnehmen: Hinter jedem Booking steckt ein finanzielles Risiko. Jedes Jahr müssen Sponsoren und Geldgeber neu überzeugt werden. Gleichzeitig verändert sich die Musikbranche laufend. Gerade deshalb seien Zuverlässigkeit, Beständigkeit, Durchhaltewille und Freude an der Sache wichtiger als schnelle Erfolge, schreiben die Verantwortlichen. Oder, um es mit ihren eigenen Worten zu sagen: «Kleine Brötchen backen, gleichzeitig gross denken.»
Das Festival da Jazz läuft noch bis zum 26. Juli. Das Programm finden Sie unter
www.festivaldajazz.ch Autorin: Sina Margadant
Fotos: Henry Schulz
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