Ein Konzert dauert zwei Stunden. Dessen Vorbereitung manchmal mehrere Tage. Was das Publikum kaum wahrnimmt: Beim Festival da Jazz beginnt jeder Spielort wieder bei null. Der Dracula Club verlangt andere Voraussetzungen als eine Kirche, das Reine Victoria andere als die Bühne am Lej da Staz. Und manchmal entscheidet nicht die Technik über einen gelungenen Abend, sondern schlicht das Wetter.
Beim Festival da Jazz gleicht deshalb kein Konzert dem anderen. Nicht nur Grösse oder Architektur eines Spielortes entscheiden darüber, welche Formation dort auftreten kann. Auch Akustik, Besetzung und Programm müssen zusammenpassen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, für jeden Ort die richtige Musik zu finden.
Massarbeit statt Standardlösung
Zu den aufwendigsten Spielorten gehören das Reine Victoria, der Embassy Ballroom im Badrutt’s Palace Hotel und der Lej da Staz. Entscheidend ist allerdings nicht allein die Location. Häufig gibt der sogenannte Technical Rider einer Band den Ausschlag: Darin ist festgehalten, welche Instrumente, Mikrofone, Verstärker und weiteren technischen Voraussetzungen für einen Auftritt benötigt werden.
Manche Musikerinnen und Musiker bestehen auf ihren gewohnten Standards, andere passen sich flexibel an die Gegebenheiten an. Gerade in kleinen oder akustisch besonderen Räumen kann diese Bereitschaft entscheidend sein. Der Dracula Club gilt nicht ohne Grund als Herz des Festivals. Sein Gebälk, die Nähe zwischen Bühne und Publikum sowie die intime Atmosphäre verleihen ihm einen besonderen Klang. Viele Künstlerinnen und Künstler haben dem Festival bestätigt, dass der Mythos um seine Akustik durchaus berechtigt ist.
Doch auch der Dracula Club verzeiht nicht alles. Wer dort dasselbe Programm mit derselben Lautstärke spielt wie am Vorabend in einer grossen Arena, kann das Publikum schnell überfordern. Gelungene Konzerte entstehen deshalb dann, wenn sich eine Band auf den Raum einlässt und ihr Programm nötigenfalls anpasst. Jazzmusiker bringen dafür meist die besten Voraussetzungen mit: Sie sind es gewohnt, zuzuhören, zu reagieren und zu improvisieren.
Klavierstimmer gehört zum Inventar
Die Höhenlage des Engadins ist für die Instrumente weniger problematisch als die trockene Luft und die starken Temperaturschwankungen. Besonders Klaviere reagieren empfindlich darauf. Während des Festivals steht deshalb praktisch durchgehend ein Klavierstimmer zur Verfügung. Auch Sängerinnen, Sänger und Bläser können die Höhe spüren. Auf fast 1800 Metern steht weniger Sauerstoff zur Verfügung als im Unterland. Die meisten Profis wissen jedoch, wie sie damit umgehen müssen.
Logistisch anspruchsvoll sind vor allem Instrumente, die sich nicht einfach transportieren oder ersetzen lassen. Eine Hammond-Orgel gehört ebenso dazu wie die Glasorgel von Helge Schneider. Schlagzeuge oder Kontrabässe bringen die Künstler dagegen häufig nicht selbst mit. Dann beginnt die Suche nach dem exakt gewünschten Modell – manchmal erst in letzter Minute.
Der See als schönste Unbekannte
Der Lej da Staz gehört zu den spektakulärsten, aber auch zu den anspruchsvollsten Bühnen des Festivals. Der unberechenbarste Faktor ist das Wetter. Wind, Regen oder ein Gewitter können innert kurzer Zeit verändern, was zuvor über Wochen geplant wurde. Die Devise lautet deshalb: mit dem Schlimmsten rechnen. Wetterberichte werden laufend verfolgt, für das Abendkonzert gibt es zudem Schlechtwetter-Tickets als eine Art Versicherung. Trotzdem bleibt manchmal nur die Improvisation. Hinzu kommt, dass sich die Bühne in einem Naturschutzgebiet befindet. Aufbau, Betrieb und Abbau müssen deshalb möglichst schonend erfolgen. Das Publikum spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt, dass die Besucherinnen und Besucher mit dem Ort sorgsam umgehen. Was nach dem Konzert dennoch liegen bleibt, sammelt das Festivalteam ein.
Für den Aufbau wird in der Regel einen ganzer Tag benötigt. Der Abbau ist dagegen bereits wenige Stunden nach dem letzten Ton weitgehend erledigt. Nach 24 Stunden wirkt der Lej da Staz wieder, als wäre nichts gewesen. Keine Bühne, keine Lautsprecher, keine Scheinwerfer. Nur See und Wald. Genau so soll es sein.
Zürich, Mailand und St. Moritz
Bevor ein Konzert beginnen kann, müssen auch die Künstlerinnen und Künstler erst einmal ins Engadin gelangen. Wer mit dem Flugzeug anreist, wird meist in Zürich oder Mailand abgeholt. Schweizer Formationen reisen in der Regel selbstständig an. Einzelne Gäste wünschen sich ausdrücklich die Fahrt mit der Rhätischen Bahn. Während des Festivals fallen täglich etwa zwei bis drei Fahrten an. Das Team versucht, sie so effizient wie möglich zu planen: Wird eine Band nach Mailand gebracht, soll auf dem Rückweg möglichst bereits die nächste abgeholt werden. Die Fahrer verbringen dabei häufig mehr Zeit mit den Künstlern als viele andere Mitglieder des Festivalteams. Zwischen Flughafen und St. Moritz bleibt Raum für Gespräche, erste Eindrücke – und gelegentlich für einen spontanen Wunsch nach einer Fahrt auf den Piz Nair.
Was das Publikum nicht bemerkt
Rund 33 Personen arbeiten während des Festivals hinter den Kulissen: Technikerinnen, Fahrer, Fotografen, Filmschaffende und weitere Mitarbeitende. Je nach Dichte des Programms stehen gleichzeitig zwischen fünf und 15 Personen allein für Ton, Licht und Bühne im Einsatz. Ein Festivaltag beginnt meist im Verlauf des Vormittags und endet nach Mitternacht. Es kann jedoch auch vorkommen, dass die Abreise einer Band bereits um 5.15 Uhr organisiert werden muss – nachdem der vorherige Tag erst gegen 4.30 Uhr in der Bar geendet hat.
Trotz aller Vorbereitung bleibt ein Festival anfällig für Überraschungen. Eine Band blieb schon einmal am Flughafen hängen, während ihr Bandleader alleine anreiste. Andere Künstler traten trotz Grippe auf. Kurzfristige Absagen kommen vor, müssen aber möglichst geräuschlos aufgefangen werden. Denn das Publikum soll von all dem wenig bemerken. Im besten Fall wirkt ein Konzert leicht, unmittelbar und selbstverständlich.
Dass hinter dieser Selbstverständlichkeit zahllose Fahrten, technische Anpassungen, kurzfristig organisierte Instrumente und sehr lange Arbeitstage stehen, bleibt unsichtbar. Sichtbar ist nur das Ergebnis: ein Künstler, ein besonderer Ort – und für einige Stunden das Gefühl, dass genau diese Musik nirgendwo anders hätte gespielt werden können.
www.festivaldajazz.ch
Autorin: Sina Margadant
Fotos: fotoswiss.com/Giancarlo Cattaneo
Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben