Dann beginnt schon das Training. Jetzt zeigt sich, wie viel Arbeit hinter wenigen Minuten auf der Bühne steckt. Artisten dehnen sich, wiederholen schwierige Elemente oder feilen an neuen Tricks. Manche probieren ständig Neues aus, andere bleiben ihrem Stil treu. Der Jongleur Rico Brukson perfektioniert seine Kunst seit seinem siebten Lebensjahr, während die Kontorsionistin Joseline Roa ständig neue Figuren lernt.
Möglich macht das intensive Training tagsüber der Standort Samedan. Hier bleibt der Zirkus sechs Wochen lang – ungewöhnlich lange. Normalerweise zieht die Truppe alle zwei bis vier Tage weiter, was jedes Mal acht Stunden Aufbau und vier Stunden Abbau des riesigen Zeltes bedeutet. Die lange Reisepause im Engadin bringt Ruhe, spart Kosten und ermöglicht dank der kühleren Temperaturen ein intensiveres Training. Bei grosser Hitze sind die körperlich anspruchsvollen Übungen deutlich belastender, die Konzentration lässt schneller nach, und das Verletzungsrisiko steigt.
Nach dem Training muss jede und jeder selbst fürs Mittagessen sorgen. Dinora Bondar lebt seit drei Jahren im Circus Medrano. Früher betrieb sie rhythmische Gymnastik, heute begeistert sie das Publikum mit ihren Hula-Hoop-Nummern. Oft kocht sie mittags für ihre kleine Freundesgruppe. Heute gibt es Bratwurst mit Pommes frites. Mit am Tisch sitzen ihr Freund Nathan Pedroni und Alan Rossi, der Clown. Zwischen den Wohnwagen wird gegessen und gelacht. «Es ist wie in einem kleinen Dorf: Man kennt jeden, geht aber nicht mit allen gleich oft essen oder aus», sagt Alan Rossi. Sobald die Vorstellung näher rückt, wechselt Dinora Bondar an die Kasse und an die Bar. Nathan Pedroni unterstützt sie dort und übernimmt zusätzlich organisatorische Aufgaben. Im Zirkus hat fast jede Person mehrere Aufgaben.
Der Circus Medrano ist ein kleiner Privatcircus und finanziert sich ausschliesslich selbst. Wie viel Geld am Ende des Monats übrig bleibt, hängt direkt von den Zuschauerzahlen ab. «Heute ist alles teurer, was uns das Leben erschwert», sagt Alan Rossi, «steigende Kosten spüren alle.»
Vor dem Spiegel im Wohnwagen verwandelt sich das «Normal»-Gesicht in ein «Bühnen»-Gesicht. Das Make-up wirkt übertrieben – soll es auch. Selbst von den hintersten Reihen der Manege sollen die Gesichtsausdrücke noch gut erkennbar sein.
Eine Stunde vor Beginn nehmen Dinora Bondar und Nathan Pedroni ihre Plätze an der Kasse und hinter der Bar ein. Im Foyer riecht es nach frischem Popcorn.
Wie viele Besucher kommen werden, weiss jedoch niemand. Paradoxerweise füllt Regen das Zelt, während bei Sonnenschein viele lieber draussen bleiben. Der längere Aufenthalt im Engadin hat jedoch auch eine Kehrseite: Viele Besucher denken sich, dass sie auch in der nächsten Woche noch kommen können. Dadurch verteilt sich das Publikum über mehrere Wochen.
Das Zelt bietet Platz für 500 Menschen. Je nach Wetter kommen zwischen 50 und 300 Gäste. Selbst wenn nur 20 oder 30 Personen im Publikum sitzen, findet die Vorstellung meist statt. Für einen kleinen Privatzirkus zählt jede Besucherin und jeder Besucher. Nachmittags dominieren Familien mit Kindern, am Abend eher Erwachsene und ältere Besucher. Deshalb muss das Programm jede Altersgruppe ansprechen. Alan Rossi beobachtet dabei eine Entwicklung: «Die Interessen der heutigen Generation haben sich verändert. Es kommen immer weniger junge Leute, obwohl der Zirkus längst nicht nur für Kinder ist.»
Vor zwanzig Jahren sah der Zirkusalltag noch anders aus. Damals gehörten grosse Tiernummern selbstverständlich zum Programm. Heute stehen die Artistinnen und Artisten im Mittelpunkt der Show. Katzen und Frettchen gehören jedoch weiterhin zu einzelnen Nummern. Für den tierischen Part sorgt Anelya Roslyakova mit ihren Hauskatzen im fortgeschrittenen Alter. Sie ist die einzige Künstlerin, die in diesem Programm mit Tiernummern auftritt. «Es wird immer schwieriger, Tiere halten und mit ihnen auftreten zu dürfen», erklärt Rossi.
Das Licht wird gedimmt, Musik erklingt. Innerhalb weniger Sekunden verwandelt sich der ruhige Alltag in ein spektakuläres Geschehen im Rampenlicht. Aus Dinora wird eine Artistin, aus Alan der Clown, der Kinder und Erwachsene gleichermassen zum Lachen bringen möchte.
«Es ist schwer, die Leute wirklich laut zum Lachen zu bringen», sagt Clown Rossi. Trotzdem geht er jeden Tag mit derselben Motivation in die Manege.
Zirkusdirektor Trentini entscheidet über den Ablauf der Show. Möchte er eine neue Idee ausprobieren oder eine Nummer verändern, setzen die Artisten sie um. Hinter den Kulissen läuft währenddessen alles reibungslos weiter. Die Helfer halten jederzeit die benötigten Requisiten bereit, tauschen Gegenstände aus, bereiten die nächsten Abläufe vor und sorgen dafür, dass jede Nummer nahtlos ineinandergreift.
Während die Gäste nach Hause fahren, kehrt langsam wieder Ruhe ein. Die Artisten ziehen sich in ihre Wohnwagen zurück oder gehen gemeinsam essen. Auch wenn sie ständig zusammen unterwegs sind, führt jeder sein eigenes Leben. Acht Monate im Jahr wohnen sie in ihren Caravans, die restlichen Monate zu Hause. Wer einen eigenen Wohnwagen besitzt, spart Mietkosten. Strom- und Wasserkosten übernimmt Direktor Trentini. Luxus gibt es kaum, manche Wohnwagen verfügen nicht einmal über eine richtige Dusche.
Die lange Zeit in Samedan bedeutet für viele fast so etwas wie Ferien. Zwischen Training und Vorstellung bleibt Zeit, Werbung zu machen, Gutscheine in den Dörfern zu verteilen, Banner aufzuhängen oder beschädigte Requisiten zu reparieren. Gleichzeitig wird das Warten manchmal zur grössten Herausforderung.
Wer nicht in einer Zirkusfamilie aufgewachsen ist, kann sich dieses Leben kaum vorstellen. Und doch muss man dafür nicht hineingeboren werden: Manche bewerben sich beim Zirkus, andere werden vom Direktor entdeckt, nachdem er sie irgendwo hat auftreten sehen.
Am Ende des Tages wird das Licht im Zelt wieder gelöscht. Von aussen wirkt der Zirkus erneut still und verlassen – so wie am Morgen. Doch hinter den Wohnwagen feilt vielleicht noch eine Artistin an einem neuen Trick oder näht Glitzer auf ein Kostüm. Denn wenn das Rampenlicht ausgeht, beginnt im Zirkus erst die Geschichte, die das Publikum in der Manege nie zu sehen bekommt.
Autorin: Fabia Niggli
Fotos: Alexander Leumann








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