Angereist waren Anne Lévy und ihre Mitarbeitenden bereits am Sonntagabend. Schliesslich erwartete sie am Montag ein intensives Tagesprogramm. Am Morgen führte die Direktorin des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) mit den Fachleuten vor Ort Gespräche, um mehr darüber zu erfahren, wie ein Gesundheitszentrum mit Spital, Rettungsdienst, Reha-Klinik, Spitex, Pflegegruppen und Pflegeheimen sowie Beratungsstelle «Pflege & Betreuung» in einer Bergregion gut funktionieren kann. 

Dabei beeindruckte sie vor allem der Ansatz der integrativen Versorgung des Center da sandà Engiadina Bassa (CSEB), wie sie am Nachmittag bei einem Spitalrundgang gegenüber den geladenen Medienschaffenden sagte. «Hier wird der Regelkreis wirklich gelebt, alle haben das gleiche Interesse miteinander zu arbeiten. Da es nur eine Organisation ist und alle Dienste unter einem Dach sind, sind die Finanzströme entsprechend und man konkurrenziert sich nicht gegenseitig», sagte die BAG-Direktorin. Die integrative Versorgung sei ein bezeichnendes Modell für die Gesundheitsversorgung der Zukunft.

Ospidal heisst Gastfreundschaft
Joachim Koppenberg, Direktor des CSEB, führte die Delegation aus Bern und die Medienschaffenden durch mehrere Abteilungen im Ospidal, vom Notfall über die Gebärabteilung bis zum Heliport und in den Hightech-Simulationsraum. Gleich im Eingangsbereich betonte Koppenberg die Grundphilosophie des 120 Jahre alten Spitals. Das romanische Wort «ospidal» leitet sich vom Lateinischen hospitare ab, was gastlich aufnehmen bedeutet. «Die Gastfreundschaft versuchen wir im Haus zu leben, damit die Patienten und Angehörigen sich willkommen fühlen», erklärte Koppenberg. 

Das beginne mit Lesebrillen, die zur Verfügung stehen, bis hin zur Handy-Ladestation im Wartebereich oder Finken für jene, die direkt von der Piste mit Skischuhen ins Spital kommen. «Das sind zwar Kleinigkeiten, die aber sehr geschätzt werden.» Aber natürlich seien Professionalität und medizinische Qualität letztlich das Ausschlaggeben­de.

Alle sollen mitdenken
Sehr viel Wert legt das Ospidal auf die Patientensicherheit. Tatsächlich sind für die Mitarbeitenden in allen Abteilungen Hinweistafeln mit den wichtigsten Merkpunkten angebracht. Die Mitarbeitenden werden regelmässig geschult, vor allem im Bereich Kommunikation. Fehler entstehen oftmals aufgrund von Missverständnissen. Das CSEB ist europaweit das einzige Spital, in dem das medizinische Personal regelmässig verpflichtend Simulationen durchführen muss. Dabei werden kritische Situationen – wie bei Piloten – geübt und anschliessend analysiert. «Es geht vor allem um die Zusammenarbeit im Team», erklärt Koppenberg.

Schon im Warteraum wird der Patient dazu aufgefordert, ebenfalls mitzudenken. «Das Spital ist ein gefährlicher Ort, da kann man Namen oder Medikamente verwechseln, oder eine Allergie kann nicht erkannt werden», so der Spitaldirektor. Stationäre Patienten erhalten eine Broschüre oder ein Video, in welchem typische Situationen dargestellt werden, wie Fehler passieren können und vor allem, wie sie vermieden werden. 

Dank Zusammenarbeit vernetzt
Die periphere Lage des Ospidal verlangt besondere Massnahmen. So arbeiten Konsiliarärzte im Haus, welche an einzelnen Tagen ihre Sprechstunde abhalten. Das Haus ist digital vernetzt und verfügt über die Möglichkeit, Expertenwissen via Telemedizin einzuholen. Das Regionalspital hat zudem ein eigenes Labor sowie ein CT- und Röntgen-Gerät. Im Herbst kommt ein modernes MRI dazu. Es gibt noch eine Geburtenabteilung, obwohl nur noch etwa 50 Geburten im Jahr verzeichnet werden. «Finanziell ist es nicht sinnvoll, aber indem wir mit der integra­tiven Versorgung unser Personal vielseitig einsetzen, können wir es stemmen», erklärt Koppenberg. So sei die Hebamme beispielsweise auch noch verantwortlich für die Wöchnerinnen, unterstütze in der Gynäkologie beim Ultraschall und so weiter. 

Helikopter aus drei Ländern
Im Ospidal gibt es keine spezifischen Abteilungen, sondern nur eine Privat- und eine Allgemeinabteilung, und die Pflege ist für alle zuständig. «Im Winter, wenn wir viel zu tun haben, wird auch mal jemand mit einer Gehirnerschütterung auf die Gebärabteilung gelegt», erzählte der Spitaldirektor. Machtansprüche beim Personal gebe es hier nicht. «Gerade die jüngeren Mitarbeiterinnen finden es spannend, ein breites Spektrum abzudecken». 

Der Helikopter ist die Nabelschnur zum Zentrumsspital. Von Scuol nach Chur beträgt die reine Flugzeit 22 Minuten. «Unser Spital fliegen sowohl die Helikopter der Rega als auch aus Südtirol und aus Tirol an, was dazu führt, dass wir unterschiedliche Vakuum-Matratzen aus drei Ländern vor Ort zur Verfügung haben», sagt der Direktor. Es gebe sogar eine kleine Heli-Minibar für die Piloten. «Waren die Österreicher da, fehlt immer die Rivella», verriet Koppenberg lachend.

Das Wichtigste sind die Patienten
Obwohl das Ospidal ein Regionalspital in den Bergen ist, kann sich die moderne Infrastruktur sehen lassen. Sogar KI hat im Rahmen eines Pilotprojekts bereits Einzug gehalten, bislang aller­dings nur im administrativen Bereich. «Es ist beeindruckend, was Sie hier mit ihren Mitarbeitenden leisten. Für uns ermöglichte dieser Besuch einen super Einblick in die Gesundheitsversorgung im Unterengadin», sagte Lévy nach dem circa einstündigen Spitalrundgang. Der Ansatz, als Einheit alles unter einem Dach zu organisieren, mit kurzen Wegen und fliessenden Übergängen von einem Dienst zum nächsten, das sei wirklich ein interessantes Modell. Vor allem auch, dass die Kompetenzen gebündelt und Synergien genutzt werden. 

«Das Wichtigste sind die Patientinnen und Patienten, sie müssen ein gutes Gefühl haben, wenn sie hier behandelt werden. Die Qualität muss stimmen», sagte die BAG-Direktorin. Wie sie vor Ort gesehen habe, sei dies in Scuol der Fall, «egal, im welchem Prozess in diesem Gesundheitsrahmen». 

Das Modell des CSEB könne man natürlich nicht einfach eins zu eins auf eine andere Institution oder andere Region übertragen, aber das eine oder andere nehme sie sicher nach Bundesbern mit.