Der Unfall ereignete sich um 17.45 Uhr kurz vor Susch und damit im Versor­gungsgebiet des Gesundheitszentrums Unterengadin/Center da sandà Engiadina Bassa (CSEB). Um 17.50 Uhr ging bereits der Alarm mit der Meldung ein, dass ein Unfall mit einem «Massenanfall von Verletzten» stattgefunden hat. «Wir wussten nur, dass es sich um einen Unfall mit mehreren Verletzten handelt», erzählt Direktor und Notarzt Joachim Koppenberg und Mitglied des Krisenstabs. 

Daraufhin sei einerseits der Grossalarm für den Rettungsdienst seitens der Sanitätsnotrufzentrale 144 ausgelöst und anderseits der Krisenstab im Spital aktiviert worden. Drei Ambulanzen und zwei Notärzte des CSEB waren nach dem Unglück vor Ort. Zehn Verletzte wurde ins Spital nach Scuol gebracht und dort versorgt. Aufgrund der Informationen der Unfallstelle und der bereits verfügbaren Ressourcen wurde im Spital Scuol kein Katastrophenalarm ausgelöst, sondern es wurden neben den normalen Kräften rund 15 Personen zusätzliche für den Notfall und den OP bereitgestellt. 

Um 18.40 Uhr wurden die ersten Patientinnen und Patienten auf dem Notfall entgegengenommen. Um 21.30 Uhr befand sich der Spital bereits wieder im Normalmodus. «Innerhalb von drei Stunden waren alle Patienten bei uns versorgt und stabil auf der Station», fasst Koppenberg zusammen, während parallel noch zwei «normale» Notfälle behandelt wurden. Dass alle zehn Patienten ruhig, schnell und professionell versorgt werden konnten, freut Koppenberg besonders, da es zeige, dass sich das sogenannte KATA-Konzept in der Realität gut bewähre.

Beckenfrakturen und Rippenbrüche
Im Spital in Scuol wurden die Leicht- und Mittelschwerverletzten eingeliefert. Die Idee der Erstversorgung und Triage an der Unfallstelle ist, dass das Chaos nicht in die Spitäler verlagert wird. «Es wird schon draussen triagiert, wer wo in welche Spitäler transportiert wird», erklärt Koppenberg und ergänzt: «Wir hatten Glück, dass wir gutes Flugwetter hatten, sodass alle Schwerstverletzten mit den sieben Helikoptern in die Traumazentren geflogen werden konnten, zudem standen zusätzlich 13 Ambulanzen zur Verfügung.» Traumazentren befinden sich unter anderem in Chur und St. Gallen. Ein Patient wurde nach Österreich transportiert.

Von den zehn Verletzten, die nach Scuol gebracht wurden, mussten alle stationär behandelt werden. Am Samstag konnten die ersten Patienten entlassen werden. Stand Montag waren immer noch vier Patienten im Spital. Zu den mittelschweren Verletzungen gehören Beckenfrakturen, Rippenbrüche und innere Verletzungen. «Wir mussten keine Patienten verlegen, was auch für eine gute Triagierung vor Ort spricht», so der Direktor. 

Wenig Verbesserungspotenzial
Für Grossunfälle hat das CSEB ein bewährtes Katastrophenkonzept, da der Betrieb dann sofort vom Individualbetrieb auf den Massenanfall umgestellt werden muss. Es gelte das Credo «treat first-what kills first». Ein Patient sollte nach einem Unfall idealerweise innert einer Stunde in einem Spital sein und versorgt werden können. Dauert es länger, steigt die Sterblichkeit. «Wir trainieren solche Ausnahmesitua­tionen regelmässig, sodass trotz des Grossunfalls alle gut und schnellst möglich individuell versorgt werden konnten», sagt Koppenberg. 

Die Zusammenarbeit mit der Rega, mit den anderen Rettungskräften und Spitälern hat gemäss dem Direktor sehr gut funktioniert. Es gebe wenig Verbesserungspotenzial. Aus Davos kamen über den Flüelapass noch zwei Ambulanzen. Das wäre im Winter nicht möglich gewesen wäre. Ausserdem ereignete sich der Unfall tagsüber unter der Woche, wo sowieso mehr Personal im Routinebetrieb anwesend ist . 

«Hätten die Helikopter nicht fliegen können, hätte sich die Situation ganz anders präsentiert», betont Koppenberg. Dann hätte Katastrophenalarm ausgelöst werden müssen. Die Spitäler in Scuol, Samedan und Sta. Maria hätten zunächst alleine für alle 40 Verletzte, darunter Schwerverletzte, versorgen müssen. Man hätte aber auch bei Flugwetter nicht alle auf einen Schlag in ein Zentrumsspital verlegen können. «Deswegen macht eine stufengerechte Versorgung gerade bei solch einem Ereignis Sinn», so Koppenberg. 

Viel Lob für den hohen Standard
Welche Leistungen müssen zwingend in der Region erhalten bleiben, damit bei schweren Unfällen und anderen medizinischen Notfällen weiterhin eine sichere Erst- und Akutversorgung gewährleistet werden kann? Auf diese Frage hat Koppenberg eine klare Antwort: «Die, die wir heute haben, sprich die Notfallabteilung inklusive die Operationskapazität». Eine Notfallstation mit Diagnostik alleine rette kein Leben, man müsse auch Therapie machen können. 

Am Sonntag besuchte die niederländische Botschafterin die Patienten des Busunfalls am Spital in Scuol. Auch zwei Vertreter der niederländischen Versicherung waren vor Ort. Sie bedankten sich schriftlich im Nachgang im Namen aller Patienten dafür, dass die Betreuung «professionell, speditiv und herzlich» war. Und sie betonten, dass sie einen so hohen Standard aus den Niederlanden nicht kennen.