«Das waren keine tausend Höhenmeter», wiegelt Valeria Selina Walther ab. Zum Beleg schickt sie die GPS-Aufzeichnung ihres Tagesritts mit Samurai: 20,8 Kilometer, 898 Höhenmeter und 4 Stunden 37 Minuten. Das Ziel war die Chamonna Tuoi oberhalb von Guarda auf 2250 Metern über Meer. Ganz untätig ist dieses Renn-Rentner-Pferd also keineswegs. Gemeinsam mit Lukas Müller führt Walther das Meisser Resort in Guarda. Neben dem Hotelalltag findet sie Zeit für ihren vierbeinigen Partner, der seit November 2022 im Engadin zu Hause ist. Der inzwischen 13-jährige Wallach hat in Bezug auf sein Tempo allerdings andere Vorstellungen als zu seinen besten Rennzeiten.

«Samu geht ganz gemütlich, man würde nicht glauben, dass er ein Rennpferd war», lacht sie. Dabei ist der einstige Grand-Prix-Sieger im Gelände keineswegs unerschrocken. «Er ist ein ‹Schisser›. Aber wenn er vor etwas Angst hat, rennt er nicht weg, sondern bleibt stehen.» Auch der Drang, andere zu überholen, scheint ihm abhandengekommen zu sein: «In einer Gruppe bleibt er immer hinten. Er will nicht mal meinen Freund überholen, wenn er mit uns joggen kommt. Da nimmt er einfach sein Tempo an. So gemütlich ist er geworden.» Auf der Bergtour begegneten ihnen Geissen und Kühe. Bei der Hütte gab es eine Pause nach dem Geschmack aller Beteiligten. «Oben auf der Hütte habe ich ihn losgelassen. Er geht nicht weit, immer dem Gras nach. Und wir haben Kuchen gegessen.»

Ein Sieger findet eine neue Heimat
Dass dieser gemütliche Bergkamerad früher ganz andere Aufgaben hatte, zeigt ein Blick auf seine Rennkarriere: 2017 gewann Samurai in Dielsdorf den damals mit 100 000 Franken dotierten Grand Prix Jockey Club. Acht Siege bei 45 Starts schlugen am Ende seiner Laufbahn zu Buche. Den letzten Erfolg feierte er im Februar 2022 auf dem St. Moritzersee – in jenem Tal, das wenig später seine neue Heimat werden sollte.

Kennengelernt hatte Walther ihn im Unterland. Während ihrer Ausbildung an der Hotelfachschule in Thun half sie beim langjährigen Schweizer Champion-Trainer Miro Weiss regelmässig an Renntagen beim Führen der Pferde. Im Herbst 2022 arbeitete sie auf einer Ranch in Wyoming, als sie ein Anruf aus der Schweiz erreichte: Samurai beende seine Rennkarriere und sei zu haben. Er war gesund, die Motivation für den Rennsport aber nicht mehr gross genug. 

Die Rückkehr aus den USA wurde deshalb mit einer besonderen Heimfahrt verbunden. Ihre Eltern brachten den Pferdeanhänger aus dem Engadin mit und stellten ihn in Urdorf ab, bevor sie ihre Tochter am Flughafen abholten. Auf dem Rückweg kam dort ein zusätzlicher Passagier dazu: Samurai. Gemeinsam ging es ins Engadin.

Freiberger statt schnelle Gegner
Heute lebt Samurai auf einem Hof in Giarsun, in einer Gruppe mit jungen Freibergern. Aus dem Rennpferd ist ein Freizeitpartner geworden. Walther arbeitet mit ihm nach dem Programm Parelli Natural Horsemanship und reitet ihn im Gelände in allen Gangarten ohne Gebiss. Ein sportliches Fernziel gibt es dennoch: Eines Tages möchte sie mit «Samu» an einem Concours teilneh­men. Der Weg dorthin muss sich allerdings mit ihrem Berufsalltag vereinbaren lassen. «Ich habe halt keinen 9-to-5-Job, darum haben wir nur einmal im Monat Reitstunde.»

Auch die Verbindung zu seinem früheren Umfeld ist geblieben. Kürzlich kam seine ehemalige Mitbesitzerin Barbara Heller zu Besuch und unternahm mit Samurai einen Ausritt. Walther begleitete die beiden auf einem Freiber­ger.

Mit «Almi» wieder aufs Eis
Ganz auf das gemütliche Tempo beschränkt sich Walthers Pferdeleben nicht. Auch ihre Skikjöring-Geschichte ist eng mit Miro Weiss verbunden. Als er sie einst fragte, was er ihr für die Hilfe an den Renntagen bezahlen solle, antwortete sie: «Ich will kein Geld dafür, lieber möchte ich ein Skikjöring-Pferd.» So kam sie zu Atlan­tico. Mit ihm gewann sie 2023 erstmals die Skikjöring-Gesamtwertung am White Turf und damit den Titel «Königin des Engadins». Im Februar 2026 folgte mit Almacado Gree der zweite Gesamtsieg.

Nun freut sie sich bereits auf die Skijörings im Februar 2027 auf dem gefrorenen St. Moritzersee. Almacado Gree, liebevoll «Almi» genannt, gehört dem Stall Allegra und wird von Trainerin Carina Fey in der Nähe von Paris wieder auf die St. Moritzer Weltexklu­sivität vorbereitet. Mit «Almi» darf es dann wieder schnell werden. Samurai hingegen darf sich dem Tempo eines Joggers anpassen und bei einer Berghütte dem nächsten Grasbüschel nachgehen. Seinen grossen Sieg kann ihm niemand mehr nehmen. Als Erster ankommen muss er nicht mehr. 

Autor: Markus Monstein
Foto: z. Vfg.