Als die «Engadiner Post» am 20. Mai 2000 unter dem Titel «Chantarella oder Totgesagte leben länger» über das ehemalige Hotel berichtete, war dessen Zukunft noch immer ungewiss. 15 Jahre stand das einstige Erstklasshotel schon leer, sein baulicher Zustand hatte sich zunehmend verschlechtert. Der Schweizerische und der Bündner Heimatschutz wollten das geschichtsträchtige Gebäude dennoch retten. Doch die Gemeinde St. Moritz hatte die planerischen Voraussetzungen für den Abriss und eine neue Überbauung bereits geschaffen.
Heute erinnert kaum mehr etwas an den einstigen Standort des mächtigen Hotelgebäudes. Wo früher Gäste ihre Ferien verbrachten, befindet sich heute ein Parkplatz bei der Mittelstation Chantarella. Auf dem südlich gelegenen Gelände, das einst ebenfalls zur Hotelanlage gehörte, stehen fünf Villen. Damit wurde jene Entwicklung verwirklicht, über die bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert gestritten wurde.
Ein Kurhaus auf 2000 Metern
Die Geschichte des Chantarella reicht bis ins Jahr 1912 zurück. Damals liess Emil Thoma-Badrutt, einer der Pioniere des St. Moritzer Wintertourismus, auf dem Hochplateau oberhalb des Dorfes eine Erholungs- und diätetische Kuranstalt errichten. Das nach Plänen des Luzerner Architekten Emil Vogt erbaute Haus wurde am 20. Dezember 1912 eröffnet.
Thoma-Badrutt war eng mit der St. Moritzer Hoteliersfamilie Badrutt verbunden. Er engagierte sich für die Entwicklung des Winter- und Sommersports und trieb die touristische Erschliessung des Hausbergs voran. Auf seine Initiative ging auch die Chantarellabahn zurück, die Anfang 1913 den Betrieb aufnahm und das Dorf mit dem Hochplateau verband. 1928 wurde die Bahn bis Corviglia verlängert.
Aus der Kuranstalt wurde 1920 das Hotel Chantarella, ein Wintersporthotel der gehobenen Kategorie. Das Haus verfügte über rund 160 Betten, zahlreiche nach Süden ausgerichtete Zimmer mit Balkon, Privatbäder und ein Restaurant mit Sonnenterrasse. Zum Angebot gehörten auch eine eigene Eis- und Curlingbahn sowie musikalische Unterhaltung. Der Betrieb konzentrierte sich hauptsächlich auf die Wintersaison.
Vom Erstklasshotel zur Ruine
In den 1970er-Jahren geriet das Hotel zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Die Gästezahlen gingen zurück, notwendige Investitionen blieben aus. 1981 verkaufte die damalige Eigentümerschaft das Chantarella an den Tessiner Immobilienunternehmer Giorgio Gianola. Pläne, das Gebäude in ein Aparthotel umzuwandeln, wurden nicht verwirklicht.
1985 wurde der Hotelbetrieb endgültig eingestellt. Ein 1993 begonnener Umbau kam nach wenigen Monaten zum Stillstand. Teile der Inneneinrichtung und nicht tragende Bauteile waren bereits entfernt worden. Das leerstehende Gebäude verfiel weiter. 1997 gelangte die Liegenschaft bei einer Versteigerung an die Credit Suisse. Für die Bank stand nicht mehr die Wiederaufnahme des Hotelbetriebs im Vordergrund, sondern eine neue Nutzung des Grundstücks.
Ein letzter Versuch der Rettung
Ende der 1990er-Jahre konkretisierten sich die Pläne für die Neugestaltung des Chantarella-Areals. Am 14. März 1999 stimmte die St. Moritzer Bevölkerung der Teilgebietsplanung zu. Die Bündner Regierung genehmigte diese am 29. Februar 2000. Vorgesehen war, das Hotel abzubrechen und auf dem südlich gelegenen Areal ein Villenquartier zu ermöglichen. Die Planung sah im sogenannten Villengebiet III höchstens fünf Hauptbauten mit einer gesamten Bruttogeschossfläche von 4330 Quadratmetern vor.
Der Heimatschutz wollte sich mit dem vorgesehenen Abbruch nicht abfinden. Ein Expertenteam unter der Leitung des Architekten Dietrich Schwarz hatte eine Machbarkeitsstudie erarbeitet. Diese kam zum Schluss, dass sich das Hotelgebäude erhalten und zu Wohnungen im Stockwerkeigentum umbauen liesse. Die Initianten betrachteten dies nicht nur aus denkmalpflegerischer Sicht, sondern auch wirtschaftlich als sinnvolle Alternative.
Die Studie war bereits Ende Oktober 1999 fertiggestellt worden. Dem St. Moritzer Gemeinderat wurde sie jedoch erst Mitte April 2000 zugestellt – nachdem die letzte Einsprachefrist abgelaufen war. Der damalige Gemeindepräsident Peter Barth betrachtete das Verfahren als abgeschlossen. Die vorgeschlagene Umnutzung sei weder rechtlich noch wirtschaftlich und politisch möglich, erklärte er damals gegenüber der EP/PL. Ausserdem verwies er darauf, dass sich die Gegner während der öffentlichen Planauflage nicht mit konkreten Vorschlägen gemeldet hätten.
Anders sah dies Jürg Ragettli, der damalige Präsident des Bündner Heimatschutzes. Solange das Gebäude noch stehe, seien die Möglichkeiten zu seiner Rettung nicht ausgeschöpft, hielt er im Mai 2000 fest.
2001 fiel das Hotel
Die Hoffnung des Heimatschutzes erfüllte sich nicht. Im August 2001 begannen die Abbrucharbeiten. Fernsehaufnahmen der damaligen RTR-Sendung «Telesguard» dokumentieren den Beginn des Rückbaus. Im Oktober desselben Jahres besuchten ehemalige Hotelangestellte für eine Reportage der RTR-Sendung «Cuntrasts» den Abbruchplatz und erinnerten sich an das einstige Hotel. Mit dem Abriss verschwand ein Bauwerk, das die touristische Entwicklung von St. Moritz während fast neun Jahrzehnten begleitet hatte.
Die Teilgebietsplanung regelte die künftige Nutzung des Areals. Sie sah neben dem Villenquartier auch Flächen für öffentliche Nutzungen, die Erschliessung der Bergbahnen und Freiräume vor. In der vorliegenden Fassung der Planung ist der Abbruch des ehemaligen Hotels ausdrücklich als Voraussetzung für die Überbauung des Villengebiets festgehalten.
Fünf Villen anstelle eines Hotels
Nach dem Abbruch begann die schrittweise Überbauung des Geländes. Zwischen 2001 und 2003 entstand unter anderem die von Küchel Architects entworfene Villa Chantarella. Das Gebäude mit seinen gegliederten Baukörpern und Giebeldächern nahm Elemente der traditionellen Engadiner Architektur auf.
Auch die übrigen vorgesehenen Villen wurden realisiert. Das ehemalige Hotelareal entwickelte sich damit zu einem exklusiven Wohnquartier. Zu den Eigentümern gehört auch der indische Stahlunternehmer Lakshmi Mittal, dessen Familie mit einer der grossen Villen auf Chantarella verbunden ist. Die bauliche Entwicklung ist bis heute nicht vollständig abgeschlossen. Auch 2026 sind auf dem Areal weitere bauliche Veränderungen und Erweiterungen geplant.
Ein anderes Gebäude aus der Geschichte des Hotels blieb dagegen erhalten: das ehemalige Direktorenhaus. Der Verleger Jürg Marquard erwarb es 2013 und liess es aufwendig renovieren. Anfang 2022 verkaufte er die Liegenschaft wieder. Während das eigentliche Hotel längst verschwunden ist, erinnert das Direktorenhaus noch an die frühere Nutzung des Hochplateaus.
Ein Vierteljahrhundert nach dem Abbruch ist die damalige Teilgebietsplanung in ihren wesentlichen Zügen Wirklichkeit geworden. Die Auseinandersetzung um den Erhalt des Chantarella gehört der Vergangenheit an – die bauliche Veränderung seines ehemaligen Areals dagegen nicht.
Autorin: Sina Margadant
Fotos: Kulturarchiv Oberengadin, Gustav Sommer / Sina Margadant
Was ist daraus geworden?
Auch vor 25 Jahren berichtete die «Engadiner Post/Posta Ladina» über Ereignisse, Projekte und Themen, die zu öffentlichen Diskussionen führten und die Region bewegten. Doch was ist aus den damaligen Geschichten geworden? In der Serie «Was ist daraus geworden?» greift die Redaktion jene EP/PL-Berichterstattung auf, die vor einem Vierteljahrhundert die Öffentlichkeit bewegte. Sie wirft einen Blic zurück auf die damals relevanten Themen und recherchiert, wie sich diese seither entwickelt haben und ob sie heute noch Relevanz auf der EP/PL-Agenda haben. Die Beiträge erscheinen in loser Folge. (sm)
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