In einem Büchlein mit dem Titel «Der Kurgast von Tarasp-Schuls» von Dr. Eduard Killias findet sich folgendes Inserat: «Hotel und Pension Belvedere. Eröffnet den 14. Juni (1875). Zehn Minuten vom Kurhaus Tarasp-Schuls. Nächst dem Post- und Telegraphen-Bureau. Neu und confortabel eingerichtet mit prachtvoller Aussicht. In der Nähe der ‹Wyhquelle› gelegen». Unterzeichnet wird das Inserat mit dem Namen der Besitzerin, der Witwe Anna-Maria Arquint-Rosler. 

Das Hotel Belvedere war nach dem Bau der Hotels Schuls (1874) und Poste (1875) das dritte grosse Haus, das am Stradun in Scuol entstand. Es ist das einzige der drei Häuser, das immer noch steht. Gemäss einer Broschüre des Kulturarchivs Unterengadin zur Entwicklung der Hauptstrasse von Scuol in den Jahren 1860 bis 1920 wurde das Hotel unter der Bauleitung von Johann Faller aus Tschappina erstellt. Die Pläne dazu entwarf der Architekt Horace Edouard Davinet, einer der bedeutendsten Schweizer Hotelarchitekten der Belle Epoque. 

«Das prachtvollste Etablissement»
Die offizielle Eröffnungsfeier des Hotels Belvedere fand am 11. Juli 1875 statt. Die Zeitschrift «Die Alpenpost» berichtete davon und beschrieb das Gasthaus mit 100 Betten als «das grösste und prachtvollste der Schulser Etablissements». Im Artikel heisst es weiter: «Im leichten, geschmackvollen Renaissance-Styl aufgeführt, erfreut es sich einer ausgezeichneten Lage; es liegt am Westend der Ortschaft gegen das Bad an der Poststrasse und zieht schon von Weitem durch seine Grösse, durch die Eleganz der Bauart, seinen zahlreichen Fenster, Balcons und Terrassen die Aufmerksamkeit auf sich». Im Eröffnungsjahr befand sich das Hotel Belvedere noch beim Dorfeingang, heute liegt es im Zentrum von Scuol. Der markante Bau prägt bis heute das Dorfbild. Äusserlich gab es im Laufe der Zeit einige Veränderungen. So ist unter anderem die vordere Veranda verschwunden, und 2007 wurde der Anbau des Südflügels erstellt. Inhaber sind seit 1999 Kurt und Julia Baumgartner. Sie investieren, modernisieren und erweitern den Betrieb laufend (siehe Interview). Sie haben auch einen Direktzugang zum Bogn Engiadina realisiert. 

Direkte Verbindung zum Kurhaus
Die ersten Hotels am Stradun entstanden im Zuge des Kurtourismus. In und um Scuol sprudeln rund 20 Mineralquellen. 1876 wurde die Büvetta Nairs mit der Wandelhalle eröffnet, 1878 das Gebäude der Bogns Quadras – dem Vorläufer des Bogn Engiadina. Im Inserat von Anna-Maria Arquint-Rosler ist zu lesen, dass die Hotels in Scuol Transportdienste nach Nairs anboten: «Leichte, regelmässige und angenehme Verbindung mit dem Kurhaus durch Ein- und Zweispänner». An dem neuen Hotel Belvedere konnte sie sich nicht lange erfreuen. Sie starb 1976 und ihr damals erst 22-jähriger Sohn Conradin Arquint übernahm die Direktion vom Belvedere und auch die des Hotels Du Parc in Bagnera. Übrigens Letzteres zuerst Hotel Belvedere. Es war das erste Hotel in Scuol und wurde erst mit dem neuen Hotel Belvedere am Stradun umbenannt.

Aushängeschilder von Scuol
Eng verbunden ist die Geschichte vom neuen Hotel Belvedere mit der des benachbarten Hotels Poste. Nachdem auch Conradin Arquint 1898 früh starb, übernahm die Aktiengesellschaft «Hôtels Belvedere-Post-Parc» beide Hotels und verband sie 1901 durch eine Passerelle. Gemeinsam mit dem Hotel Du Parc wurden täglich Konzerte mit einem eigenen Kurorchester angebo­ten. Ab 1889 gab es eine Kooperation mit weiteren Hotels um die Gäste mit einem Omnibus nach Nairs zur Trinkhalle zu fahren. Die grossen Hotels waren nur im Sommer geöffnet.

«Während das Du Parc ab 1914 lange geschlossen blieb, können die beiden anderen als die eigentlichen Aushängeschilder der Scuoler Hotellerie betrachtet werden, bis das Hotel Poste dem Coop-Center weichen musste», schreibt der Historiker Paul Eugen Grimm in der Dorfchronik von Scuol. Auch heute noch gelten die Betriebe der Belvedere-Familie – Hotels Belvedere, Belvair, Guardaval und die dazugehörenden Restaurants – als touristische Motoren im Ort.

«Komplett heruntergewirtschaftet»
Die Geschichte des Hotels Belvedere war aber nicht nur von Erfolg gekrönt. Ab 1905 hatte Lambert Smits die Direktion der Hotelgruppe inne, danach während Jahrzehnten Michel Liss. Es folgten weniger erfolgreiche Zeiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel der Kurtourismus zusammen. In den Siebzigerjahren stellte sich eine Krise in der Hotellerie ein. Sie hielt rezessionsbedingt bis in die Achtzigerjahre. 

«Diese Krisenjahre brachten insbe­sondere im Sektor der Scuoler Grossho­tels eine Reihe von Handänderungen, Gründungen von Aktiengesellschaften und teils wenig transparenten Hotelgesellschaften mit Kapital aus dem Ausland», schreibt Grimm. Kurzzeitig befand sich das Hotel Belvedere gemeinsam mit drei anderen Hotels im Besitz der «Kurhotelgesellschaft Schuls GmbH & Co». 

Mehrere Direktoren führten das Hotel in den Folgejahren. Es verkam zu einem Spekulationsobjekt. 1985 stand das Hotel Belvedere- vor der Schlie­ssung. Dank dem Einsatz der Schweizerischen Gesellschaft für Hotelkredit konnte es überleben. Als Kurt und Julia Baumgartner das Hotel übernahmen, war es «komplett heruntergewirtschaf­tet und verschandelt», wie Kurt Baumgartner erzählt. 

Der Kreis schliesst sich
Das Gebäude des Hotels Belvedere gilt als bedingt schützenswert. Bauliche Eingriffe sind erlaubt, gleichzeitig müssen diese von den zuständigen Stellen abgesegnet werden. Unter den Decken des Hotels befinden sich immer noch die Originalbalken – «richtige Baumstämme» –, wie der Inhaber sagt. Der Allegra-Saal ist noch der Original-Saal, in dem einst Bridge gespielt wurde. Das Atrium wurde erhalten. Teile der Südveranda, auf der die Kapelle spielte, sind ebenfalls noch da. Gleichzeitig hat die Belvedere-Familie stetig in die Weiterentwicklung des Unternehmens investiert. 

Das jüngste Beispiel ist die Chasa Plavna. Dort, wo einst das Hotel Poste stand, ist ein neues Gebäude entstanden. Die Chasa Plavna umfasst 20 Serviced Apartments, neun Eigentumswohnungen, ein Deli & Bistro, den Sportshop Jon Sport Alpin, eine Bowlinganlage sowie ein Kinderland. Und wie bereits vor über einem Jahrhundert wird das Gebäude über eine Passarelle direkt mit dem Hotel Belvedere verbunden - und weiter mit den übrigen Häusern der Belvedere-Hotel-Familie sowie dem Bogn Engiadina.