An der Innenwand eines kleinen Buffetschranks in der Engadiner Stube von Katharina von Salis klebt seit Jahrzehnten eine rote Marke mit kleinem, weissem Kreuz. Darauf hält ein Mann die Hand vor den Mund einer Frau. In der anderen Hand hält er einen Briefumschlag, auf dem «Stimmrecht» auf Französisch steht. Am Rand der Briefmarke ist zu lesen: «Wahre Demokratie?» Diese Marke hatte einst ihre Grossmutter Hanni Bay (1885–1978) an Familie und Freunde verschickt. Sie war nicht nur eine bekannte Malerin, sie engagierte sich auch in Chur sozial und künstlerisch in der Arbeiter- und Frauenrechtsbewegung.
Berufstätige Ahninnen
«Als meine Grossmutter beschloss, Malerin zu werden, nahmen die Kunstakademien noch keine Frauen auf», erzählt Katharina von Salis. In München lernte Hanni Bay bei Hermann Gröber und danach bei Cuno Amiet auf der Oschwand. Danach weilte sie in Paris und besuchte dort den Unterricht an der Académie Ranson. 1910 heiratete sie Albert Hitz und bekam mit ihm drei Töchter. Nach ihrer Scheidung 1925 zog Hanni Bay die Kinder alleine gross. «Mein Grossvater war Kommunist und hatte kein Geld, um sie finanziell zu unterstützen», erzählt Katharina von Salis.
Und so begann Hanni Bay als Bild-Reporterin für Zeitungen und Zeitschriften zu arbeiten. Eine ihrer Töchter wurde Augenärztin, die beiden anderen Hotelfachfrau und Lehrerin. «Ich stamme von einer Reihe starker, selbständiger Frauen ab», sagt Katharina von Salis. Die 86-jährige Silvaplanerin gilt im Tal als kritischer Geist. Sie ist tagtäglich mit dem E-Velo unterwegs, nutzt Social Media, fotografiert und verfasst Beiträge für die «Engadiner Post».
Als Einzelkind gefördert
Katharina von Salis ist in Zollikofen bei Bern als Einzelkind aufgewachsen. Der Vater war Generalsekretär bei der PTT und beruflich bedingt oft abwesend. Die Mutter hat geschrieben und gezeichnet. Während der beruflichen Auslandsaufenthalte ihrer Mutter musste die Tochter ins Kinderheim. «Mein Vater wäre als Alleinerziehender völlig überfordert gewesen, und ich genoss es, dass noch andere Kinder zum Spielen da waren», sagt sie.
Zuhause wurde das kleine Käthi immer gefördert. «Das Beste für die Förderung eines Mädchens war damals und heute, keine Brüder zu haben», schmunzelt sie. Im Kinderheim kam das elfjährige Mädchen erstmals mit geschlechtsspezifischer Ungerechtigkeit in Kontakt. «Während die Buben am Nachmittag draussen Schlitten und Ski fahren durften, mussten wir Mädchen drinnen aus dem Garn alter Strümpfe Waschlappen stricken.»
Der erste Leserbrief
Auch als Pfadfinderin stellte sie fest, dass für Mädchen nicht die gleichen Bedingungen galten wie für Buben. Die Mädchen mussten das Geld für Material und Lager selbst aufbringen, den Buben wurde vieles bezahlt. «Damals schrieb ich den ersten Leserbrief an eine Zeitung, um auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen», erzählt sie. Daraufhin wurde die junge Frau als Diskussionsrednerin in die Sportschule in Magglingen an eine Tagung zum Thema Frauen im Sport eingeladen. Die Frauen von Sportverbänden durften sich damals nicht öffentlich kritisch äussern. Und so wurde Katharina von Salis zum Sprachrohr für deren Anliegen.
Kein Frauen-WC am Institut
Katharina von Salis studierte Geologie an der Universität Bern. Sie erinnert sich an einen Professor, der am ersten Vorlesungstag an sie als einzige Frau im Saal gerichtet meinte, Geologie sei zu schwierig für eine Frau. Sie liess sich davon nicht beeindrucken und begann 1959 ihr Geologiestudium. Fortan musste der Professor seine Toilette mit der Studentin teilen, da es damals noch kein Frauen-WC am Institut gab.
Früh während ihres Studiums erhielt die junge Frau die Gelegenheit, bei der geologischen Kartierung in der Val S-charl mitzuwirken. Auf der Karte von Scuol steht sogar ihr Name als Mitautorin: Katharina von Salis. «Da kam natürlich Neid bei den Kollegen auf.» «Weibliche» Aufgaben musste sie am Geologischen Institut dennoch übernehmen, zum Beispiel die Betreuung von drei ungarischen Studenten. «Da war ich dann plötzlich die Sozialtante, nur weil ich die einzige Frau war», erzählt sie.
«Wir nehmen keine Frauen»
Katharina von Salis doktorierte 1965. Sie heiratete den dänischen Chemieingenieur Jørgen Perch-Nielsen und zog zu ihm nach Dänemark. «Ich wäre eigentlich gerne schon als Doktorandin mit Schweizer Forschern nach Grönland gegangen, doch als ich mich für eine Expedition meldete, hiess es: ‹Wir nehmen keine Frauen.›» In Dänemark hingegen war ihre Vorgesetzte eine Frau. Deren Mann war Zoodirektor und sie führten eine gleichberechtigte Ehe. «In Dänemark galt das Frauenstimmrecht schon lange und berufstätige Mütter waren normal», erzählt Katharina von Salis. In der Schweiz hätte sie zum selben Zeitpunkt weder wählen noch ohne Einwilligung des Ehemannes ein eigenes Konto eröffnen dürfen. Das Stimm- und Wahlrecht für Frauen wurde auf Bundesebene erst 1971 eingeführt.
Von 1965 bis 1974 war Katharina von Salis Dozentin an der Universität Kopenhagen. 1968 lebte sie für fast ein Jahr in Paris. 1974 kam sie nach Zürich an die ETH, während ihr Mann eine Stelle in Wien antrat. Drei Töchter bekam das Paar, während sie zwischen Zürich und den weiteren Wirkungsstätten ihres Mannes in Amsterdam, Wien, Den Haag und London wochenweise pendelte. 1989 zog die ganze Familie nach Richterswil. 1989 wurde sie zur Titularprofessorin der ETH Zürich ernannt.
Chancengleichheit an der ETH
Während ihrer Arbeit als Professorin begann Katharina von Salis Engagement für die Chancengleichheit der Geschlechter in der Wissenschaft. 1989 wurde Jakob Nüesch durch den Schweizer Bundesrat zum Präsidenten der ETH Zürich gewählt. Er wollte den zu niedrigen Frauenanteil an der ETH erhöhen und fand in Katharina von Salis eine Verfechterin der Frauenförderung.
Schon nach dem ersten gemeinsamen Treffen erhielt sie Fördergelder und gründete damit die Frauenanlaufstelle an der ETH, die später zur Stelle für Chancengleichheit mutierte. Sexuelle Belästigung sei zunächst ein Hauptanliegen der jungen Frauen gewesen. «Wir haben dann ein spezielles ETH-Bulletin publiziert, das nur von Frauen geschrieben wurde», erinnert sie sich. Es ging an alle Studierenden. «Das war eine Fanfare!», erinnert sich Katharina von Salis.
Engagement bis auf Bundesebene
In den Folgejahren setzte sie sich für die Motivierung von Mädchen für naturwissenschaftliche und technische Studiengänge an Schweizer Hochschulen sowie an Gymnasien ein. Die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der Universitäten und der beiden ETH organisierten sich bereits im Jahr 1992 in der Kofrah (Konferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Schweizer Universitäten und Hochschulen). Katharina von Salis präsidierte diese Vereinigung in den Jahren 1997–2001.
Sie trug wesentlich dazu bei, dass das Bundesprogramm Chancengleichheit Realität wurde und der Bund für die Legislaturperiode von 2000–2003 Frauenfördergelder in Höhe von 16 Millionen Franken sprach. «Ich habe das Gefühl, wir haben damals etwas bewegt», sagt sie rückblickend.
Das Pendel schwingt zurück
Nach ihrer Pensionierung zog Katharina von Salis endgültig nach Silvaplana, in das Haus ihrer Familie an der Plazza dal Güglia. Ihre Töchter sind im Wissen aufgewachsen, dass sie gleichberechtigt sind. «Sie mussten nicht mehr für die gleichen Sachen kämpfen wie wir». Und dennoch seien in der Gesellschaft Themen wie Lohngleichheit, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Care-Arbeit immer noch aktuell.
«Im Moment scheint das Pendel eher wieder zurückzuschwingen», meint Katharina von Salis. Umso wichtiger sei das Engagement von Stabstellen für die Gleichstellung von Frau und Mann – auch für die Zukunft.
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