Als fünfjähriges Mädchen spielte ich zu Hause so gerne mit unseren Tieren und mit Puppen. Puppe Anita kam mit spazieren und danach noch eine kleine Welpenpuppe, ein herziger Wollknäuel namens Titi. Damals wohnten mehrere Mietparteien in unserem Haus an der Via Veglia 48 in Samedan. Einmal kam jemand zu Besuch bei einer unserer Mietparteien, Herr Platz. Er sagte zu mir: «Emerita, du hast das Hündchen sehr gern, ja?» «Ja, sicher, Titi ist mein Liebling», gab ich zur Antwort. Dann fügte er hinzu: «Ich würde das Hündchen sehr gerne einem Mädchen schenken, dem es nicht so gut geht.»

«Nein, sicher nicht», dachte ich. «Weisst du, das Mädchen ist am Bahnhof Samedan unter einen Zug geraten. Sie hat zwar überlebt, aber beide Beine mussten amputiert werden. Ich möchte ihr so gerne eine Freude bereiten.» Herr Platz kannte dieses Mädchen offenbar und ihm lag offensichtlich etwas an ihr. Also fragte er geradeheraus: «Was denkst du, würdest du auf Titi verzichten, wenn du wüsstest, dass du damit diesem armen Mädchen eine Freude machen würdest?» Ich überlegte nicht lange: «Oh, armes Mädchen. Das tut mir sehr leid. Ja, du kannst ihr Titi in meinem Namen geben, aber sie muss Titi fest gerne haben …»

Ein lang gehegter Wunsch
Meine Eltern waren auch einverstanden. Sie sagten: «Dafür bekommst du den schönen Puppenwagen, den du dir schon so lange wünschst.» Bei meinem Götti und meiner Gotte hatte ich mal ein Mädchen namens Beatrice kennengelernt, das so einen schönen Puppenwagen hatte. Davon träumte ich schon länger. «Du musst aufs Christkind warten», hiess es. «Immer dieses Warten. Wie lange dauert es denn noch?», fragte ich meinen Götti. Er sagte zu mir: «Hast du kein Sparkässeli?» «Doch, klar», antwortete ich, «aber es ist zuoberst auf dem Kasten, da komme ich nicht ran.»

Mein Götti meinte nur: «Dann nimm einen Stuhl und steig drauf, dann kommst du vielleicht ran.» Kaum gesagt, setzte ich diesen wertvollen Tipp auch schon in die Tat um. Aber leider war die Kasse zu. «Oh je, die Bank hat den Schlüssel dazu, die kriegst du nicht auf», stellte er fest. «Ach, halb so schlimm, dann musst du halt doch aufs Christkind warten», versuchte er mich zu trösten.

Ein Geschenk, das geblieben ist
Und tatsächlich ging es recht schnell, bis Weihnachten war und das Christkind kam. Und tatsächlich, es brachte mir das wunderbar geflochtene Puppenwägeli, das ich mir so sehnlichst gewünscht hatte. «Juhui!», freute ich mich riesig, und so konnte ich meine Puppen Anita und Susi endlich in einem Puppenwagen spazieren fahren. Ohne Titi zwar, aber immerhin ist mir das Puppenwägeli bis heute erhalten geblieben.

Eine schöne Erinnerung, genau wie mein inzwischen 77-jähriger Teddybär, den ich heute halt an Titis Stelle knuddeln kann. 

Autorin: Emerita Polin-De Giovanni
Foto: Lorenzo Polin

Alle Texte des Schreibprojekts «Erinnern» von Pro Senectute finden Sie hier.