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Christian Schlüchter mit einem Bruchstück eines uralten Lärchenbaums am Morteratschgletscher. Foto: Jon Duschletta

Christian Schlüchter mit einem Bruchstück eines uralten Lärchenbaums am Morteratschgletscher. Foto: Jon Duschletta

«Die Natur hat es anders gewollt»

Am Dienstag hätte die Bergung eines kürzlich entdeckten uralten Lärchenstamms vom Fusse des Morteratschgletschers erfolgen sollen. Doch es kam anders als geplant. Eine eiszeitliche Geschichte über die Launen der Natur.

Christian Schlüchter steht wenige Meter unterhalb der Gletscherzunge des Morteratschgletschers auf rund 2150 Meter Höhe und winkt, in eine dicke, gelbe Daunenjacke eingepackt, dem Piloten der Heli Bernina. «Programmänderung», ruft der emeritierte, 73-jährige Geologieprofessor aus Bern wenig später lachend in das Geräusch der auslaufenden Rotorblätter, «die Natur hat es anders gewollt».
Weniger dem Lachen zumute ist indes Peter Frommenwiler. Der pensionierte Fotograf aus Zug steht etwas Abseits und schaut ernüchtert an den linksseitigen Moränenhang. Durch das prächtige Panorama mit dem Morteratschgletscher im Vorder- und der Berninagruppe im Hintergrund scheint er hindurchzusehen.
Es ist gerade einmal vier Wochen her, seit er hier auf einen erst kürzlich aus den Eismassen herausgeschmolzenen, rund drei Meter langen und an seiner dicksten Stelle einen Meter Durchmesser aufweisenden Lärchenstamm stiess. Er fotografierte den Stamm, nahm ein paar Holzproben und informierte sofort auch Christian Schlüchter. «Zum Glück», sagt Frommenwiler heute, «denn nach den starken Niederschlägen der letzten Tage hat ein riesiger Murgang augenscheinlich den Fundort wohl meterhoch mit Geschiebe verschüttet, den Lärchenstamm mitgerissen, zerfleddert und unter sich begraben.»

«Ein exakt datiertes Fundstück»
Der damalige Fundort überschneidet sich praktisch mit jenem eines anderen grossen Lärchenstamms. Diesen hatte der Forstingenieur und Mitarbeiter des kantonalen Amts für Wald und Naturgefahren der Region Südbünden, Gian Andri Godly, schon vor zwei Jahren während einer der periodischen stattfindenden GPS-Ausmessungen der Grössenveränderung des Morteratschgletschers gefunden. Teile dieses bis 60 Zentimeter dicken und auf zehn, zwölf Meter Länge geschätzten Stamms, liegen weiterhin unter dem Geröll.
Ein laut Schlüchter exakt datiertes Fundstück: «Dank Radiokohlenstoffdatierung an der ETH Zürich und Jahrringanalyse durch Kurt Nicolussi in Innsbruck wissen wir, dass der Lärchenstamm bis vor gut 10 500 Jahren hier gelebt und rund 250 Jahre alt geworden ist.» Der Wurzelstock und auch die in unmittelbarer Nähe der Gletscherzunge sichtbaren Bodenfragmente einer vormaligen Humusschicht untermauern die wissenschaftlichen Daten und machen den Fund gemäss Schlüchter «entsprechend spektakulär». Auch den von Peter Frommenwilers entdeckten Lärchenstamm schätzt Schlüchter auf ein ganz ähnliches Alter. Zusammen suchen Schlüchter und Frommenwiler am Dienstagvormittag nach dem ersten Schock das unmittelbar an der Gletscherzunge liegende Gletschervorfeld nach Trümmerteilen des Lärchenstamms ab und werden tatsächlich fündig. «Mit grosser Wahrscheinlichkeit stammen diese Teile vom gefundenen und nun wieder verschütteten Stamm», mutmasst Schlüchter. Zur genauen Datierung sammeln sie die vom Gletscher und vom Murgang stark deformierten Teile ein und bereiten diese für den Helitransport nach Pontresina vor. Und anstatt Frommenwilers Lärchenstamm landen nun die zersägten Teile des vor zwei Jahren gefundenen Baumstamms Godlys im Transportnetz. Wie auch immer, für Schlüchter ist klar: «Der verschüttete Stamm bleibt kostbar.» Einzig Frommenwiler hadert noch etwas mit dem Schicksal. Zumal die Bergung eigentlich zu einem früheren Zeitpunkt geplant gewesen war, aus jagdlicher und touristischer Rücksichtnahme aber auf diesen 13. Oktober verschoben wurde.

Fasziniert von etwelchem Ur-Holz
Der Geologe und Hobbyimker Christian Schlüchter, der 1991 am Steingletscher im Berner Oberland sein erstes Ur-Holz gefunden hat, ist von solcherlei Funden – ob von schmelzendem Eis freigegeben oder von Seen überschwemmt – immer wieder aufs Neue fasziniert: «Es muss schon damals einen enormen Wandel gegeben haben.» Nur so lässt sich erklären, dass nach der letzten Eiszeit, die vor etwa 115 000 Jahren einsetzte und erst vor etwa 11 700 Jahren zu Ende ging, «hier auf dieser Höhe und nur 1200 Jahren später schon wieder so schöne Bäume wuchsen».
Der ins Tal geflogene Wurzelstock der 10 500-jährigen Lärche gehört gemäss Fundort dem Grundeigentümer, also der Gemeinde Pontresina. Diese will sich gemäss Gemeindeschreiber Urs Dubs dafür einsetzen, dass der Wurzelstock in der Gemeinde verbleiben und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.

In der «Engadiner Post/Posta Ladina» vom 15. August berichtete Katharina von Salis über das «Mysterium Unterwasserbäume», einem Vortrag von Christian Schlüchter über Ur-Bäume in den Oberengadiner Seen.

Autor und Foto: Jon Duschletta


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