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Domenic Camastral auf dem Pausenplatz der Gemeindeschule Pontresina, welcher er über vier Jahrzehnte lang die Treue hielt. Foto: Jon Duschletta

Domenic Camastral auf dem Pausenplatz der Gemeindeschule Pontresina, welcher er über vier Jahrzehnte lang die Treue hielt. Foto: Jon Duschletta

Domenic Camastral: Ein Leben für die Schule

Manche machen mit beruflichen Wechseln auf sich aufmerksam, andere mit Konstanz und Ortstreue. Zu Letzteren gehört auch der 62-jährige Lehrer und Schulleiter Domenic Camastral. Er geht auf Ende Schuljahr und nach 42 Amtsjahren frühzeitig in Pension.

In seinen Adern fliesst – väterlicherseits – Walserblut. Und ähnlich seiner Vorfahren hat sich auch Domenic Camastral irgendwann aufgemacht, hat nach Primar- und Sekundarschule in Strada und Martina seinen Unterengadiner Geburtsort verlassen, in Chur das Lehrerseminar absolviert, dort richtig Deutsch und auch Schwimmen gelernt und ist danach ins Engadin zurückgekehrt, wo er sich in Pontresina niedergelassen hat und heimisch wurde.
42 Jahre ist das her und nur ein einziges Mal verspürte er in dieser Zeit den Wunsch, seinem Leben wenigstens geographisch eine neuerliche Wende zu geben. «Das war nach etwa 15 Jahren», sagt Camastral am kleinen runden Besprechungstisch in seinem Schulleiterbüro an der Pontresiner Gemeindeschule. «Ich hatte mich für eine andere Stelle beworben, sogar den Zuschlag bekommen, aber dann fand meine Familie, sie wolle nicht woanders hin, wo es nicht besser sei als hier». Die Familie sollte Recht behalten. Domenic Camastral, ein passionierter Gamsjäger, Bergsteiger, Kletterer und Tourenskifahrer, ist sich heute - mehr denn je - sicher, in Pontresina seinen perfekten Lebensort gefunden zu haben. So perfekt, dass er seit letztem Jahr gar stolzer Bürger von Pontresina ist.

«Sport, Geometrie und Ethik sind meine Lieblingsfächer»
Camastral beginnt seine pädagogische Karriere als Primarlehrer der 1. und 2. Klasse, übernimmt schnell Zusatzlektionen im Sportunterricht an der Oberstufe, später auch solche in Geometrie und Ethik. Während durch das geöffnete Fenster lauter Kinderstimmen die Vormittagspause ankündigen, nimmt er einen Arbeitsvertrag aus dem Jahre 1997 in die Hand und schmunzelt: «Ich begann damals als Schulleiter mit drei Lektionen Entlastung, zu Konditionen die heute niemand mehr akzeptieren würde.» Man habe damals alles selber organisieren und koordinieren müssen, erinnert er sich.
Er ist Klassenlehrer, voll ausgelastet und hilft trotzdem von Anfang an mit, intern eine Schulleitung aufzubauen. «Eine sehr schwierige aber auch spannende Zeit mit immer mehr Aufgaben, der Vertretung der Schule gegen Innen und Aussen und zunehmend auch der Aufgabe, Ansprechperson für alle und alles zu sein.» 2001 absolviert er eine erste, vom Kanton angebotene, zweijährige Ausbildung zum Schulleiter. «Bis dahin war einfach der Schulratspräsident der Chef und die Lehrpersonen agierten als Einzelkämpfer wie kleine Könige in ihrem Reich, ohne sich gross pädagogisch auszutauschen.»

«Junge Lehrpersonen tun mir heute manchmal leid»

Domenic Camastral erinnert sich an seine ersten zehn, fünfzehn Jahre, wo der Unterricht noch sehr linear, sehr frontal verlief. «Eigentlich positiv, weil wir so genügend Zeit hatten, uns als Persönlichkeiten zu entwickeln, auch im Umgang mit den Kindern.» Heute müssten sich Lehrerinnen und Lehrer jedes halbe Jahr in etwas Neues einarbeiten und anpassen. «Die jungen Lehrpersonen tun mir manchmal leid, sie haben kaum noch Zeit, das gelernte in der Praxis umzusetzen.»
Schon Ende der 1980er Jahre ist Domenic Camastral Mitglied einer Arbeitsgruppe zur Schaffung eigener romanischer Lehrmittel, beispielsweise dem Lesebuch «L’arch dals custabs», welches, vom Kanton mitfinanziert, bis vor wenigen Jahren als obligatorisches Lehrmittel an den Schulen im Einsatz stand. «Es war vielleicht ein Nachteil, vielleicht aber sogar ein Vorteil der romanischen Schulen, dass sie die Lehrmittel selber herstellen mussten.»
In Pontresina wird das Konzept der zweisprachig geführten Schule 2002, kurz nach Samedan, eingeführt. «Zuvor war das Thema Romanisch als Unterrichtssprache mit Garantie Diskussionspunkt eines jeden Elternabends», so Camastral. Er koordiniert eine entsprechende Arbeitsgruppe und evaluiert zusammen mit einer Sprachwissenschaftlerin die Resultate der Nachbargemeinde Samedan, um diese dann an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. «Sinn und Zweck der Zweisprachigkeit sind heute unbestritten, und das Thema ist seither praktisch auch aus den Elternabenden verschwunden.»
Gut ein Drittel der Pontresiner Schuljugend ist portugiesischer Abstammung. Wie in anderen zweisprachigen Engadiner Gemeinden zeigt sich auch in Pontresina eine gute und schnelle Integrationsfähigkeit dieser Kinder. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie schnell portugiesische Kinder Romanisch lernen und wie gut sie bis zum Schulaustritt zwei Sprachen beherrschen, wenn natürlich auch nicht auf dem Niveau einer Muttersprache. Romanisch ist aber ganz eindeutig die Brücke zur Integration.» Im letzten Jahr wurden in Zusammenarbeit mit der PH Chur die Leistungen zweisprachig geführter Schulen mit monolingualen verglichen. «Mit dem Resultat, dass unsere Kinder beim Schulabgang die gleichen, oft sogar die besseren Sprachkompetenzen haben als Kinder aus rein deutschsprachigen Schulen.»

«Romanisch ist die Brücke zur Integration»

Einen grossen Umschwung erlebte die Schule gemäss Camastral mit der Einführung der Koedukation, also der gleichberechtigten Ausbildung und Erziehung von Knaben und Mädchen. Er selber ist zu der Zeit Teil einer Ausbildungsgruppe und leitet entsprechende Weiterbildungskurse für Lehrpersonen in der Region. «Nicht zuletzt mit der Individualisierung, der Differenzierung und der Integration haben die Schulen einen grossen Qualitätssprung gemacht.»
Seither sind viele neue Bereiche hinzugekommen, neue Herausforderungen in immer neuen Spezialgebieten und mit immer neuen Fragestellungen. Fragen der Chancengleichheit und Erziehungsverantwortung beispielsweise, aber auch Angebote wie Tagesstrukturen und Förderungen, und der Lehrplan 21. «Es tönt vielleicht etwas arrogant», sagt Domenic Camastral, «aber mit der Einführung des LP 21 haben wir die Bestätigung für den von uns schon früher eingeschlagenen Weg erhalten». Praktisch niemand aus dem 30-köpfigen Pontresiner Lehrkörper habe sich dagegen gesträubt, betont Camastral und ergänzt, «das ganze Paket war unserer Meinung nach richtig und gut».

«Die ganze Familie ist in Lehrberufen tätig»

Domenic Camastrals Frau ist Heilpädagogin und in dieser Funktion auch an der Schule Pontresina tätig. «Sie hat mich in meiner Tätigkeit als Schulleiter stets mit aller Kraft unterstützt und bei Bedarf auch vertreten», sagt er und ergänzt, «wir funktionieren sehr unterschiedlich, haben uns in all diesen Jahren in unserer Arbeit aber sehr gut ergänzt».
Wie selbstverständlich spricht Camastral davon, sein Leben für die Schule zu leben. Eine Haltung, die auch auf die beiden gemeinsamen Töchter abgefärbt hat, sind doch beide auch als Lehrerinnen tätig.
Auf negative Aspekte seiner beruflichen Karriere angesprochen, nennt Domenic Camastral ohne zu zögern die politische Auflösung der regionalen Kleinklassen der Oberstufe wie auch der Pontresiner «Streicher-Klasse». Letztere wurde zwischen 2007 und 2014 jeweils von der 3. und 4. Primarklasse gebildet und band die Schülerinnen und Schüler anstatt in den Gesangs- in den Musikunterricht mit Streicherinstrumenten ein. Eine Erfolgsgeschichte ohne Happy-End.

«Die Streicher-Klasse war eine Pontresiner Erfolgsgeschichte»

Zudem bemängelt er, dass die von der Schule kostenlos angebotenen Förderangebote für schwächere Schüler kaum oder nur zögerlich Anklang fanden. Nicht zuletzt wohl, weil viele Eltern Mühe bekundeten, Schwächen ihrer Kinder einzugestehen und entsprechende Hilfe anzunehmen. «Unverständlich, denn die Welt ist nun mal nicht gerecht. Wenn man aber das Glück hat, gute Förderangebote zu haben und diese nicht akzeptiert, dann ist das unverständlich.» Domenic Camastral hat in seiner Zeit als Schulleiter aber auch gelernt, den Eltern in solch einem Prozess eins zu lassen, nämlich Zeit.
Solche wird er selbst in wenigen Wochen auch wieder genug haben. Dann nämlich, wenn sein 42. Schuljahr als Lehrer und Schulleiter zu Ende geht, er die Schulleitung an Fadri Feuerstein und Flurina Urech übergeben und frühzeitig in den Ruhestand treten kann. Zeit, um sich seinen Leidenschaften zu widmen, Kurse zu besuchen, an seinem Bergeller Stallgebäude weiterwerken zu können oder auch mal einfach mit dem Camper an Orte in der Region zu fahren, die er längst hätte kennenlernen müssen, aber an denen er noch nie war.

Autor und Foto: Jon Duschletta


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