Foto: Reto Stifel

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Mein Ziel: Nicht nur Savognin

Savognin war einmal Pionier. Und heute? Savognin ist in der Gemeinde Surses aufgegangen. Diese gibt sich gerade ein neues Leitbild und sucht nach ihrer Identität. Verunsicherung weicht einer Aufbruchstimmung. 

Schwerpunktwoche: Zu Besuch bei unseren Nachbarn.

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«Mein Ziel Savognin». Ein Werbeslogan, der in Erinnerung geblieben ist. Vielleicht auch, weil er an eine Zeit erinnert, als der Tourismusort im Surses eine Pionierleistung in Sachen maschineller Beschneiung vollbrachte. Vor über 40 Jahren nahmen die Savogniner Bergbahnen die erste Beschneiungsanlage des Alpenraums in Betrieb. Was heute völlig normal ist, erregte 1978 riesige Aufmerksamkeit: Die Leute pilgerten zu Tausenden aus der Schweiz und ganz Europa nach Savognin. Ist dieser Savogniner Pioniergeist heute noch zu sehen und zu spüren? Linda Netzer ist Standortentwicklerin für die Gemeinde Surses. Sie nimmt sich für die Antwort einen Moment Zeit und spricht dann von einer «lethargisch depressiven Phase», welche die Region erlebt habe. «Wir waren mal Vorreiter mit den ersten Beschneiungsanlagen und weiteren Pionierleistungen», reflektiert sie. Ende der 90er-Jahre und um die Jahrtausendwende hätten die Mitbewerber aber massiv aufgerüstet, während das Surses etwas stehen geblieben sei. Auch gegen aussen sei das so wahrgenommen worden. In den letzten Jahren sei man vor allem zur Familiendestination geworden. «Mein Ziel Savognin» habe nicht mehr alle Gästegruppen angesprochen. «Das hat sich aber in den letzten paar Jahren sehr stark verändert. Es herrscht Aufbruchstimmung, der Glaube an eine prosperiende Zukunft ist zurückgekehrt», sagt Netzer. Dank dem Kulturfestival Origen, dank dem Naturpark Ela, dank den Bergbahnen, aber auch dank innovativen Gastgebern.

Für die touristische Vermarktung des Surses ist Tanja Amacher zuständig. Zurzeit besucht sie zusammen mit einem Mitarbeiter jeden Gastgeber persönlich, um zu hören, wie das Befinden ist. Sorgen bereitet nach wie vor die Corona-Pandemie, und da vor allem das Problem, genügend Personal zu finden. Viele Arbeitnehmer haben sich wegen der Pandemie und der Schliessung der Betriebe umschulen lassen und kehren jetzt nicht mehr zurück. Gemäss Amacher ist aber auch Optimismus zu spüren. Der Sommer sei trotz durchzogenem Wetter gut gewesen, viele Wanderer wären in der weitläufigen Landschaft des Park Ela, dem grössten Naturpark der Schweiz unterwegs gewesen. Der Optimismus gründet gemäss Amacher auch auf Origen-Intendant Giovanni Netzer. «Was er leistet, ist für unser Tal von unschätzbarem Wert. Er trägt den Namen in die Welt und zieht mit seinen Projekten ein neues Publikum an.»

Der Pass als verbindendes Element

Wie aber steht es um die Zusammenarbeit des Surses mit anderen Regionen, konkret dem Engadin? Aus touristischer Sicht beurteilt Amacher diese als gut, auch wenn man immer mehr machen könne. Als konkretes Beispiel nennt sie den Fernwanderweg «Senda Segantini», der durch das Surses ins Engadin führen soll. Aus Sicht der Standortentwicklerin ist die Zusammenarbeit aber noch sehr marginal. Allerdings existiere diese 120-Prozent-Stelle, welche sie mit einer Kollegin teile, auch seit erst knapp vier Jahren, zudem seien sie beide als Standortentwicklerinnen nicht in das Gefüge der im ganzen Kanton verteilten Regionalentwickler integriert. Gemeindepräsident Leo Thomann sieht im Turm auf dem Julierpass ein verbindendes Element mit dem Oberengadin. Zudem entwickle man zurzeit gemeinsam die Idee eines Fahrradweges über den Pass. 

Kein Leitbild für die Schublade

Ein Projekt, welches Linda Netzer zurzeit besonders beschäftigt, ist das Leitbild «Surses 2030», welches nach der Fusion aus der Gemeindeversammlung angestossen wurde. Über 1000 Ideen sind bei einer Online-Befragung eingegangen, 150 Personen haben sich bereit erklärt, bei der Umsetzung mitzuwirken. «Dieses riesige Interesse freut mich sehr, ist aber auch eine Herausforderung, um bezüglich der Partizipation nicht Hoffnungen zu schüren, die wir dann nicht erfüllen können», umschreibt Netzer die jetzt folgende, nicht ganz einfache Umsetzungsphase. 

Gemeindepräsident Leo Thomann verschweigt nicht, dass er und seine Kollegen aus dem Vorstand den Leitbildprozess gerne anders angegangen wären. Die Exekutive hätte das neue Leitbild bevorzugt mit einer Arbeitsgruppe ausgearbeitet, um gleich auch konkrete Massnahmen definieren zu können. «Das wäre zielführender gewesen, denn letztlich ist die Umsetzung das Entscheidende. Was nutzt ein schönes Leitbild, wenn nicht danach gelebt wird?», so Thomann. 

Initiative der Jugendlichen

Projektleiterin Linda Netzer weiss, dass der Tatbeweis der Umsetzung in den kommenden acht bis zehn Jahren erfolgen muss. Sie ist optimistisch, dass das gelingen wird. «Wir gehen die Sache mit viel Herzblut an.» Als Beispiel nennt sie den geplanten Bau eine Bike-Pumptracks. Diese Idee ist aus dem Masterplan und einer privaten Initia‧tive von Jugendlichen entstanden. Diese haben nach erfolgreichen Tests mit einer mobilen Anlage Optimierungen vorgeschlagen, die das Projekt zwar besser, aber auch rund 100 000 Franken teurer gemacht hätten. Daraufhin haben die Jugendlichen entschieden, das fehlende Geld selber aufzutreiben. Über Sponsoren, aber auch über Eigenleistungen beim Bau. Jetzt ist die Finanzierung praktisch gesichert. «Das ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie wir die Gemeinde weiterentwickeln können. Indem wir gemeinsam etwas gestalten», sagt Netzer. 

Zum Schluss die Frage, was die drei Gesprächspartner gerne im Surses hätten, was das Engadin hat. «Ein paar der gut betuchten Gäste und die Seenlandschaft», meint Leo Thomann lachend. Zwar habe man auch sehr gute Gäste und einen kleinen Badesee, aber das sei nicht vergleichbar mit dem Oberengadin. Tanja Amacher hätte nichts dagegen, wenn das eine oder andere Vier- oder Fünf-Sterne-Hotel aus St. Moritz im Surses stehen würde. Linda Netzer schliesslich wünscht sich ein Allwetterangebot wie das Erlebnisbad Ovaverva. Und, dass einige der ins Engadin reisenden Gäste anhalten und das Surses entdecken «und uns so nicht nur der teilweise massive Reiseverkehr bleibt».

Autor und Fotos: Reto Stifel

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