Foto: Daniel Zaugg

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Die Qual der Wahl aus einer Fülle von guten Geschichten

100 Geschichten kompakt zwischen zwei Buchdeckeln: Keine einfache Sache, wenn die Geschichten aus einem Kanton stammen, aus welchem es so viel zu erzählen gibt. Doch die Auswahl ist gelungen. 

Welche sind die besten Geschichten? Die, die man für sich behält, weil sie einem sowieso niemand abnimmt? Die, die am Stammtisch die Runde machen? Oder die, die selber Geschichte schreiben, weil sie für das Zeitgeschehen so relevant sind? «Graubünden in 100 Geschichten», so der Titel eines Buches, welches kürzlich erschienen ist. Ein Buch, welches informiert und unterhält, aber auch seiner Chronistenpflicht nachkommt, mit einem Nachschlagewerk über die Geschichte des Kantons inklusive einer umfassenden Bibliographie. Kurz, ein Standardwerk für Bündnerinnen und Bündner und für alle, die den Kanton in ihr Herz geschlossen haben. Und wer hat das nicht?

 

«Nicht mehr die Diaspora-Bündner»

Die Idee zu diesem Buch stammt von Peter Röthlisberger, Journalist und Historiker. Er ist nicht nur Herausgeber des Buches, er ist auch einer der 65 Historiker und Journalisten, die als Autoren diese 100 Geschichten zum Buch beigesteuert haben. In seinem Editorial beschreibt er treffend, mit welchen Gefühlen die Heimweh-Bündnerinnen und -Bündner jeweils am Freitag aus ihrer Zweitheimat im Unterland in ihre «richtige» Heimat fahren. «Beim Heidiland beginnt das Paradies. Unser Puls erhöht sich leicht, wenn wir auf der Autobahn über den Rhein fahren, die Toleranz sinkt. Ab sofort sind wir wieder Churer, Engadiner, Oberländer. Nicht mehr die Diaspora-Bündner im Unterland. Nicht mehr ein einig Volk von Beliebtheitsschweizermeistern, die mit grosser Gelassenheit die Sympathiebekundungen der aufgeregten Zürcher, der grellen St. Galler und der lakonischen Basler entgegennehmen.»

Das 320 Seiten starke Buch ist in zwölf Kapitel aufgeteilt. Von «Bündner Heldinnen und Helden» bis «Kultour». Die Geschichten befassen sich mit dem Tourismus, dem Sport, der Natur, dem Verkehr, der Bildung, der Kultur und dem Lebensraum. Sie handeln von Weltstars wie der Figur des Heidi aus Johanna Spyris Romanen oder dem St. Moritzer Entertainer Vico Torriani. Sie beschreiben aus der Sicht eines Pontresiners den Weltkurort St. Moritz, sie porträrieren Menschen wie den «Eismann mit der Geige», den Glaziologen Felix Keller. In einem Kapitel werden die «dunklen Seiten» des Kantons beleuchtet. Der Bergsturz von Bondo beispielsweise oder das Bündner Baukartell. Die 100 Geschichten kommen als kleine Anekdoten daher, als süffig zu lesende Erzählungen oder auch als längere Interviews, zum Beispiel mit Skirennfahrer Carlo Janka und Langläufer Dario Cologna. Insgesamt ein gelungenes, sorgfältig illustriertes Werk, bei dem man sich einzig gewünscht hätte, dass das Italienische und das Romanische als Amtssprachen des Kantons etwas stärker in Erscheinung getreten wären. 

 

Sechs Fahrstunden, sechs Beulen

«Wir hatten die Qual der Wahl. Graubünden bietet 10 000 gute Geschichten. Wir wählten 100 subjektiv, lustgetrieben, zufällig aus, in lichten Momenten aber doch auch der Historie verpflichtet», schreibt Peter Röthlisberger. In dieser Rezension konzentriert sich der Autor platzbedingt auf eine Geschichte, die er etwas näher beleuchtet. Jene des Pontresiner Hausarztes Rudolf Campell, welcher sich als einer der ersten Bündner ein Auto kaufte. Die Fahrstunden, gerade mal sechs an der Zahl, nahm er in Zürich, in Graubünden war das Autofahren erst im Juni 1925 erlaubt worden. Nach bestandener Prüfung kaufte er im Sommer 1926 sein erstes Auto, einen Fiat 509 Cabriolet. Angesichts seiner nur sechs Fahrstun‧den wurde Campell von der Lieferfirma ein Hilfschauffeur zur Verfügung gestellt. In Chur verabschiedete sich dieser von Campell, welcher für die Fahrt über den Julierpass nun auf sich allein gestellt war. Schon bei der Weiterfahrt rammte er in Chur das Fontana-Denkmal, in Lenz wurde er von der Dorfjugend mit einem Steinhagel empfangen, in Tiefencastel musste er mit seinem Vehikel auf die RhB verladen werden, was eine weitere Beule zur Folge hatte. In Pontresina wurde er dann mit einem grossen Bahnhof willkommen geheissen. Als er aber rückwärts in die Garage fahren wollte, rammte er das Stalltor, er versuchte es ein zweites Mal und holte sich eine weitere Beule. Beim nächsten Versuch verbeulte er zweimal die Karosserie, riss die Tür fast aus dem Scharnier und zerkratzte seinen Wagen. Am Schluss wurde das Auto in die Garage geschoben. Das Fazit und der Titel der Geschichte: «Sechs Fahrstunden, sechs Beulen».

Peter Röthlisberger, «Graubünden in 100 Geschichten», Somedia Buchverlag, 320 Seiten. ISBN: 978-3-907095-30-0.

Autor: Reto Stifel

Foto: Daniel Zaugg


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