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Foto: Daniel Zaugg

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«Herr Jenny, nerven Sie die Diskussionen um ihre Leistung»?

An der Amtsführung des St. Moritzer Gemeindepräsidenten Christian Jott Jenny wird immer wieder Kritik laut. Im Interview sagt er, dass es eine schweizerische Eigenart ist, immer auf den Schwachstellen rumzuhacken. Er will die Verantwortung aufteilen und nicht diktatorisch führen. 

Engadiner Post: Christian Jott Jenny, bei der Anfrage für ein Interview haben Sie von einem absurden, leidigen, ja grotesken Thema gesprochen. Die Diskussionen um Ihr Pensum und Ihre Leistung nerven Sie?
Christian Jott Jenny: Ein bisschen.

Als «Aussenminister» haben Sie von verschiedenster Seite viel Lob erhalten. Der frühere Kurdirektor Hanspeter Danuser hat in einem Blog gar geschrieben, dass Ihr Auftritt zur Corona-Situation auf Augenhöhe ist mit jenen der deutschen Bundeskanzlerin. Fühlen Sie sich gebauchpinselt?
Man sollte Komplimente zwar annehmen, wenn man schon mal welche erhält. Aber der Vergleich hinkt etwas, Frau Merkel hat deutlich mehr zu regieren als ich.

Sie haben in Ihrer gut zweijährigen Zeit als Gemeindepräsident sicher feststellen können, dass es neben den öffentlichkeitswirksamen Auftritten auch viel Fleiss- und Detailarbeit zu erledigen gilt. Man wirft Ihnen vor, dass Sie diese kaum wahrnehmen.
Es ist eine schweizerische Eigenart, permanent auf Schwachstellen herumzuhacken. Man sagt nicht: Fritzli, du bist hervorragend in Mathe, ein super Schwimmer und toll integriert in deiner Klasse. Es heisst: Fritzli, du bist schlecht in Deutsch. Es stimmt, dass man in einem solchen Amt gute Dossierkenntnisse braucht. Aber ein Gemeindepräsident, der jeden Brief, der von der Verwaltung rausgeht, auf Kommafehler überprüft, ist eine Fehlbesetzung.

Diese Vorwürfe kommen aber nicht nur aus einer Ecke. Selbst Ihre Vorstandskollegen haben im letzten Sommer gefordert, dass Sie sich in den Bereichen Führung, Dossierkenntnisse und Präsenz auf der Gemeinde verbessern müssen. Haben Sie das?
Der Gemeindevorstand bildet zusammen die Regierung einer Gemeinde. Auch wenn das Pensum und die Verantwortung eines Präsidenten grösser ist, so verteilt sich dennoch vieles auf viele Köpfe. Ich glaube, man kann in diesem Amt zwischen zwei Rollen wählen: Entweder, man teilt die Verantwortung mit anderen und überlässt die Arbeit am Dossier auch mal denen, die eigentlich dafür zuständig sind. Dann kommt der Vorwurf der zu geringen Präsenz. Oder man mischt sich überall ein, dann heisst es, man führe diktatorisch. Allen recht getan, ist ein Ding, das niemand kann.
Und schauen Sie: Meine Wahl war ein Trauma für viele im etablierten Politikkarussell von St. Moritz . Es war nicht vorgesehen, dass mich die Menschen wählen, aber sie haben es getan. Es fällt einigen Leuten noch immer sehr schwer, diesen demokratischen Entscheid zu akzeptieren. Als Erstes bestrafte mich damals der scheidende Gemeindevorstand, indem er mir willkürlich die Entlöhnung kürzte. Heute amüsiert mich das, aber im Grunde war es Kindergartenniveau. Letzteres ist leider da und dort immer noch zu orten.

Die Lösung, die der Gemeindevorstand nun für ein weiteres Jahr verlängert hat, geht in eine ganz andere Richtung. Die Arbeiten, die Sie nicht machen wollen, werden an einen Vorstandskollegen delegiert, dafür wurde sein Pensum erhöht. Da drücken Sie sich doch vor der Verantwortung, welche in der Verfassung klar festgeschrieben ist?
Die politischen Systeme in Schweizer Gemeinwesen basieren in der Regel auf der Verteilung von Regierungsverantwortung auf verschiedene Köpfe. Nicht einer oder eine regiert, sondern ein Gremium. Wir haben verschiedene Möglichkeiten diskutiert und uns für ein System entschieden, welches der Sache am meisten dient. Ich persönlich finde es sinnvoll, wenn die dossierzuständigen gewählten Exekutivmitglieder nicht nur Statisten sind, weil sich der «Gemeindemuni» überall in den Vordergrund drängt.

Sie müssen einen Betrieb führen mit 200 Angestellten und einem Umsatz von 85 Millionen Franken. Das erledigen Sie in einem 80-Prozent-Pensum. Was macht Christian Jott Jenny besser als seine Amtskollegen, denen dafür auch ein 100-Prozent-Pensum nicht ausreicht?
Ich delegiere besser und gebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Raum. Weil ich weiss, dass sie erfahren, intelligent und talentiert sind.

Ein anderer Vorwurf: Sie vernachlässigen die Kommissionsarbeit. Und was der externe Beobachter feststellen kann: An den Gemeinderatssitzungen wirken Sie wenig engagiert und ergreifen kaum je das Wort.
Wir, der Gemeindevorstand, sind Gäste in den Sitzungen des Gemeinderates. Als Gast sollte man die Show nicht dominieren wollen. Das kenne ich von der Bühne: entweder ist man als Solist und Hauptdarsteller engagiert oder als Nebendarsteller.

Bei der letzten Pensumsreduktion im Sommer 2020 haben Sie gesagt, Sie werden sich stärker um die Standortentwicklung kümmern. Gibt es schon konkrete Resultate?
Es ist eine schwierige Zeit, um an grosse Würfe zu denken. Ich trage einige Ideen im Kopf, ich hoffe, ich kann einen Teil davon aufgleisen. Hierfür bin ich jedoch auch auf die Zustimmung meines Gremiums angewiesen. Mehr gibt es derzeit nicht zu sagen. Ich glaube, wir fokussieren alle derzeit auf das Ende der Pandemie und die Hoffnung, dass wir alles wieder einigermassen zusam-menbekommen, wie es vorher war.

Spätestens in einem Jahr wird die Frage sehr aktuell sein: Kandidiert Christian Jott Jenny für eine zweite Amtszeit. Gibt es heute schon eine Antwort?

Ungelegte Eier kann man nicht ausbrüten.

Interview: Reto Stifel

Foto: Daniel Zaugg


2 Kommentare

1000/1000
Norbert Waser am 12.02.2021, 16:43
Auf den Zahn gefühlt; guter Journalismus!
Tina Peter Meyer am 13.02.2021, 09:42
Vielleicht war Jenny einfach der Mann der Stunde, der die eingefahrenen Denkweisen etwas aufgerüttelt hat, der etwas quere Ideen hat, an Dorfkönigen rüttelt und damit frischen Wind in die Gegend bringt und DAS schadet doch eigentlich nie. Dass neue Ideen nie allen passen ist auch logisch.
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