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Der PCB-belastete obere Spölbach im Schutzgebiet des Schweizerischen Nationalparks. Foto: Jon Duschletta

Der PCB-belastete obere Spölbach im Schutzgebiet des Schweizerischen Nationalparks. Foto: Jon Duschletta

Nationalpark will die Gesamtsanierung des oberen Spöl

Die Verschmutzung des oberen Spölbachs bei Zernez mit dem Bauschadstoff PCB sei kein Kavaliersdelikt, sondern eine dramatische Realität. Für die Eidgenössische Nationalpark-kommission Grund genug, Beschwerde gegen die kürzlich erlassene kantonale Sanierungsverfügung einzureichen.

Der Fund eines toten, etwa dreijährigen adulten Uhu-Weibchens im September letzten Jahres im Spöltal hat eine neue Dynamik in den Disput um die Sanierung des stark mit PCB belasteten oberen Spöls gebracht. Weniger der Totfund an sich, sondern vielmehr dessen nachfolgende toxikologische Untersuchung am Veterinärmedizinischen Institut der Universität Bern und später auch an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass der Uhu PCB-Werte in der tausendfachen Konzentration der menschlichen Grenzwerte aufwies – ein nationaler Negativrekordwert. Für den Schweizerischen Nationalpark respektive die Eidgenössische Nationalparkkommission (ENPK) Beweis genug, dass die PCB-Belastung im Spöl nicht alleine vom Vorfall während den Sanierungsarbeiten an der Stauanlage der Engadiner Kraftwerke AG (EKW) herrühren können, sondern sich über die letzten 50 Betriebsjahre der EKW-Anlagen im Sediment des Spöls und damit einhergehend auch in der Nahrungskette abgelagert haben müssen.

«Ungenügende Sanierungsverfügung»
Heidi Hanselmann, die Präsidentin der Eidgenössischen Nationalparkkommission, fand an der Medienkonferenz vom Freitag in Zernez denn auch klare Worte: «Das Resultat der Uhu-Untersuchung hat uns aufgeschreckt und die Alarmglocken läuten lassen. Die PCB-Situation ist aus unserer Sicht dramatisch und deshalb kein Kavaliersdelikt.» Weil die Sanierungsverfügung des kantonalen Amts für Natur und Umwelt (ANU) die PCB-Sanierung lediglich auf den ersten drei Kilometern des betroffenen Bachabschnitts vorgibt und für den restlichen Perimeter weder weitere Abklärungen noch Ersatzmassnahmen vorsieht, hat sich die ENPK entschlossen, fristgerecht Beschwerde gegen die, wie sie sagt, «ungenügende Sanierungsverfügung» einzureichen. «Wenn wir nur die obere Hälfte der Strecke sanieren, bleibt mehr als ein Drittel des vorhandenen PCB in der Natur zurück», so die ENPK-Präsidentin. «Der Bund definiert im Nationalparkgesetz, dass die Natur im Schweizerischen Nationalpark vor menschlichen Eingriffen zu schützen sei und hat diese Aufgabe uns, der ENPK, übertragen.» Der Rechtsvertreter des SNP, Hans Maurer, er war der Medienkonferenz online zugeschaltet, sagte auf eine Medienfrage, dass man davon ausgehen könne, dass lediglich rund 15 Prozent des PCB im Spöl direkt vom Baustellenunfall herrühre, der Rest aber wohl über die Jahre vom Kraftwerksbetrieb eingetragen wurde.

Auch Druckstollen braucht Sanierung
Der SNP fordert laut Direktor Ruedi Haller nicht nur die Gesamtsanierung des oberen Spölbachs auf der Länge von 5,75 Kilometern und bis in eine Sedimenttiefe von 50 Zentimetern, sondern explizit auch deren unverzügliche Umsetzung, PCB-Analysen bei weiteren Tieren und auch die Sanierung des ebenfalls mit PCB-haltigem Korrosionsschutz versehenem Druckstollen zwischen Punt dal Gall und Ova Spin. «Wenn im Nationalpark Tiere durch PCB sterben, so ergeben sich weitere, grosse und weiträumige Probleme, beispielsweise durch die Verdünnung der Tierpopulationen im Spöltal», so Haller.
Er bestätigte ferner die jahrelange, grundsätzlich gute und einvernehmliche Zusammenarbeit zwischen SNP und EKW, «auch wenn wir hier in dieser Sache unterschiedlicher Meinung sind». Haller hofft darauf, dass die Einsprache der EKW ohne die angekündigte Forderung nach aufschiebender Wirkung bleibt, weil dies einen langjährigen Rechtsstreit zur Folge hätte. Diesbezüglich wurden am Freitagnachmittag auch Stimmen laut, wonach die Nationalparkgemeinden auf die beiden Parteien dahingehend einwirken würden, sich doch noch über ein weiteres Vorgehen zu einigen. Nicht zuletzt, um einen solchen Rechtsstreit und den damit verbundenen Imageschaden für die Nationalparkregion zu vermeiden.

Infotext: Der Kreislauf des oberen Spöl-Wassers
Der 42 Kilometer lange Spöl entspringt in der Val Ursera, fliesst durch Livigno und den gleichnamigen See bis zur 1970 in Betrieb genommenen, 130 Meter hohen Stauanlage Punt dal Gall der Engadiner Kraftwerke AG (EKW). Von dort schiesst das Wasser des Spöl entweder durch eine Druckleitung direkt in die Pump-Speicher-Kraftwerkszentrale Ova Spin am Ende des gleichnamigen Ausgleichsbecken. Oder aber das Wasser fliesst, als Restwasser deklariert, durch das Dotierkraftwerk am Fusse der Staumauer und von dort direkt durch das angrenzende Tosbecken in den Unterlauf des oberen Spölbachs. Dieser fliesst von hier rund acht Kilometer durch das Schutzgebiet des Schweizerischen Nationalparks (SNP), bis auch er in das Ausgleichsbecken Ova Spin mündet.
In das gleiche Ausgleichsbecken fliesst auch das Wasser des Inn, welches an der grössten Wasserfassung der EKW in S-chanf gefasst und durch einen Freispiegelstollen nach Ova Spin geleitet wird. Von der Zentrale Ova Spin aus können die EKW das Wasser entweder tourbinieren und danach auf die Reise durch die nächsten zwei Kraftwerkstufen in Pradella und Martina schicken oder aber wieder in den Lago di Livigno hochpumpen. Freigesetztes PCB könnte so im Kreislauf zwischen Lago di Livigno und Ova Spin verfrachtet werden. 

Infotext: PCB-Vorfall im Spölbach: Chronologie der Ereignisse
Die Chronologie der Ereignisse, basierend auf dem Faktenblatt des Schweizerischen Nationalparks (SNP):
2015 Die Engadiner Kraftwerke AG lassen seit diesem Zeitpunkt von einer Drittfirma Revisionsarbeiten an der Stauanlage Punt dal Gall ausführen.
2016 Durch ein Leck in der Baustellenabdichtung gelangt im September giftige, PCB-haltige Rostschutzfarbe in die Staumauer und von dort in den oberen Spölbach. Die EKW melden den Vorfall dem kantonalen Amt für Natur und Umwelt (ANU) und erstatten Anzeige. Es folgt eine PCB-Untersuchungskampagne mit ersten Resultaten.
2017 Im Januar wird eine breit abgestützte Taskforce unter der Leitung des ANU eingesetzt und weitere, umfangreiche Untersuchungen werden durchgeführt. Das am stärksten PCB-belastete Tosbecken unterhalb der Staumauer wird im Sommer gereinigt, und im November wird ein Sanierungs-Pilotversuch im Bachbett unternommen.
2018 Der Untersuchungsbericht «Bauschadstoffe im Spöl» wird im April veröffentlicht, und das ANU erlässt im Dezember einen Verfügungsentwurf, allerdings nur über rund die Hälfte des betroffenen Bachabschnitts.
2019 Die Sanierungsverfügung des ANU geht in die Vernehmlassung.
2020 Nach langen Verhandlungen unterzeichnen ANU, SNP und EKW im Mai eine Verständigungsvereinbarung über das weitere Vorgehen. Die Verhandlungen werden im Dezember aber wegen unüberbrückbarer Differenzen ergebnislos beendet. Im September wird im Spöltal ein toter Uhu gefunden.
2021 Untersuchungen zeigen, dass der Uhu exorbitant hohe PCB-Werte aufweist. Der SNP fordert deshalb eine Ausweitung der Sanierungsverfügung auf den ganzen oberen Spölbach. Das ANU erlässt im Februar die Verfügung, allerdings nur für die obere Hälfte des betroffenen Abschnitts. Die EKW erheben im März – vorab wegen der einseitigen Kostentragungspflicht – Beschwerde gegen die Verfügung. Der SNP doppelt nach und erhebt seinerseits Beschwerde wegen des unzureichenden Sanierungsperimeters und fordert ein unverzügliches Handeln. Gleiches fordern auch die Umweltorganisationen WWF Graubünden, Pro Natura Graubünden und Aqua Viva in einer gemeinsamen Beschwerde gegen die Sanierungsverfügung. 

Autor und Foto: Jon Duschletta


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