Die Kinder sind ausgezogen, eine neue Mitbewohnerin eingezogen. Wobei eingezogen den vermuteten Tathergang nicht präzise beschreibt. Vielmehr muss sie gewaltsam in den Keller geschleppt worden sein. Vieles ist unklar, das Beweissicherungsverfahren läuft, für sachdienliche Hinweise sind wir dankbar. Was wir wissen: Die Spitzmaus muss sich aus dem Gebiss oder den Krallen unseres Katers – er ist, weil etwas ungeschickt, dringend tatverdächtig – befreit – und ein sicheres Versteck gefunden haben. So zumindest die Aussage meiner Frau, der einzigen Zeugin zu diesem Fall. 

Weil unser Moudi – er ist auch im Denken nicht der Schnellste – wohl schon wieder vergessen hat, dass er zwecks späterem Verzehr eine Spitzmaus ermorden wollte, lebt diese seither in unserem kalten Kellerabteil, welches vom Hauptkeller durch eine Tür abgetrennt ist. Angeknabberte Gurken und Mäusekot sind untrügliche Spuren.

Was macht Mann in einer solchen Situation? Er googelt, ganz pragmatisch, im Internet nach Lösungen und kann aus einem reichen Killersortiment auswählen. Im Angebot sind Tod durch Erfrieren: «Der Wirkstoff wirkt narkotisierend, und setzt den Stoffwechsel der Tiere herab, die dann an Unterkühlung sterben.» Tod durch Erschiessen: «Automatische Mauseschussfalle mit Zähler: «Tötet bis zu 24 Tiere mit einer einzigen CO2-Patrone» oder Tod durch festkleben, was angesichts der Klimaaktivsten, die sich überall hinkleben, en vogue zu sein scheint, aber auch nicht wirklich sympathisch tönt.

Was macht Frau in einer solchen Situation? Sie füttert die Maus. Zuerst mit Haferflocken, über Nacht ist das kleine Schälchen jeweils rübis stübis leergefressen. Später mit Amarant – auch Gefangene sollen sich schliesslich ausgewogen ernähren, so ihre Argumentation.

Nur hat die Gefangene, seit sie knapp dem Tod entronnen ist, noch nie jemand zu Gesicht bekommen. Genügt das leere Futterschälchen als Beweis für ihre Existenz? Bilden wir uns nur ein, dass in unserem Kellerabteil eine Mitbewohnerin haust? Oder ist sie real, frisst sich den Bauch voll, bewegt sich kaum und wächst zu einer Jumbo-Maus heran, die wir im Frühjahr mit einem Spezialkran aus dem Keller hieven müssen?

Fragen über Fragen, auf die es (noch) keine Antwort gibt. Es ist zum Mäusemelken.

r.stifel@engadinerpost.ch

Autor: Reto Stifel

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