Bei uns ist der weisse Germer besonders im Jura beheimatet. Wir finden ihn in den Alpen und in ganz Eurasien, in den Pyrenäen, in Finnland und Skandinavien bis nach Sibirien und in Nordamerika und Alaska.

Er hat viele Volksnamen wie Breckwurz, Fieberstellwurz, Heimwurz, Schampanierwurzel, Sichterwurz, Sitterwurz, Wiswurz und andere mehr. Bei uns sind diese Volksnamen allerdings weniger bekannt.

Das Aussehen des Germers erinnert uns an den heimischen gelben Enzian, der im Jura und in unserem Kanton verbreitet ist. Germer kann bis zu über einen Meter hoch werden. Er hat einen zentralen, geraden, dicken, runden Stängel. An diesem finden wir die gro­ssen, breiten, eiförmigen und ganzrandigen Blätter, die wechselständig direkt am Stängel wachsen. Im Gegensatz dazu sind beim gelben Enzian diese Blätter kreuz-wechselständig angeord­net, was als Unterscheidungsmerkmal benutzt werden kann.

 Die Blätter des Germers können bis zu 20 Zentimeter lang sein. Sie sind glänzend grün und haben eine gut erkennbare, starke Nervatur. Die Wurzel ist innen weiss und bildet einen Wurzelstock mit dünnen, bis zu 20 Zentimeter langen Würzelchen. Die Blüten sind weiss oder hellgrün und klein. Sie werden bis zu einem Zentimeter gross und bilden dichte, endständige, lange Rispen. Sie blühen von Juni bis August. Im Herbst bilden sie kleine braune Samenkapseln.

Das Pulver aus der Wurzel wird und wurde oft als «Schnupfpulver» verwendet. Bekannt dafür war der Schneeberger Schnupftabak. Ebenfalls wurde aus den Blättern eine Art Tabak geraucht, welcher für psychoaktive Erlebnisse sorgte. Das Ausgraben der Wurzel und deren Verwendung als «Enzianschnaps» endete oft tödlich, denn man hatte die Germer-Wurzel verwendet anstatt der richtigen Enzianwurzel. Solche Verwechslungen sind auch heute noch aktuell, besonders im Jura, wo die Enzianwurzel gesucht wird und dann aus Versehen eine Germer Wurzel ausgegraben und verwendet wird. 

Die Germer-Wurzeln wurden in der Antike oft auch als Heilmittel eingesetzt, mit unterschiedlicher Wirkung. Die teils narkotische und toxische Wirkung verursacht Halluzinationen, eine starke Senkung des Blutdrucks und im schlimmsten Fall den Tod. Die Pflanze wird insbesondere im Schamanentum wegen ihrer Rauschwirkung hoch gepriesen, in der Homöopathie wird der weisse Germer an einer Potenz D3 als Tinktur angeboten bei Depressionen, Migräne und Gemütsleiden.

Als Inhaltsstoffe finden wir Alkaloide wie Protoveratrin A & B sowie Germerin. Die Konzentration ist in höheren Lagen geringer. Ferner finden wir Ve­ratramin, ein Glycosid sowie Chelidon und Veratrumsäure und Fette.

Der weisse Germer ist sehr giftig und Mengen von ein bis zwei Gramm der getrockneten Wurzel können tödlich wirken.

Es ist die Aufgabe der Eltern, die Kinder zu sensibilisieren und auf die Giftigkeit der Pflanze hinzuweisen. Bei Notfällen hilft das Tox-Info-Suisse mit der Notfallnummer 145. Jürg Baeder

Wichtiger Hinweis: Die in der Serie beschriebenen Heil- oder Giftpflanzen sind in verschiedenen Fachbüchern zu finden. Jürg Baeder ist eidg. dipl. Drogist. Der Autor weist explizit auf die Gefährlichkeit der beschriebenen Giftpflanzen und auch auf die Eigenverantwortung hin. Sämtliche Beiträge zur Serie «Engadiner Kräuterecke» sind auch auf www.engadinerpost.ch in den Dossiers «Heilpflanzen» oder «Giftpflanzen» zu finden.

Autor und Foto: Jürg Baeder