Sein Haus ist eines der letzten vor dem Eingang zur Val Chamuera. Aus dem grossen Wohnzimmerfenster sieht Pep Schaniel direkt in Richtung Wald und Felshänge. Das Fernrohr ist immer in Griffnähe, und jeden Tag beobachtet der ehemalige Wildhüter damit, ob sich etwas im Bartgeierhorst Nr.4 tut, Gämse in der Nähe sind oder andere Wildtiere. Dass in der Chesa Torta jemand leben muss, der die Natur liebt, ist schon von weitem zu erkennen. Wurzeln und Steine bilden die Dekoration rund um das Haus. Im Hausinnern schmücken Federn und Steinbockhörner die Wände, ein ausgestopfter Fuchs steht auf der Kommode, die Bilder zeigen Wildtiere. Vor allem Steinböcke und Bartgeier haben es Pep Schaniel angetan. Den Steinböcken verdankt er sogar seine Stelle als Wildhüter – aber dazu später.
Zwei Franken für ein Sträusschen
Pep Schaniel ist mit fünf Geschwistern in Punt im unteren Dorfteil von Scuol aufgewachsen – den Wald fast vor der Haustür. Der Vater hielt Kleinvieh: Ziegen, Schafe und Schweine. Er war auch Waldarbeiter und stellte Besen her, welche seine Kinder dann von Haus zu Haus an die Bauern verkauften. Als das Eisfeld in Trü in den Fünfzigerjahren eröffnet wurde, war der Vater der erste Eismeister. Die Mutter hatte alle Hände voll zu tun mit sechs Kindern und dem Haushalt. «Wir Kinder mussten von klein auf mit anpacken», erzählt der heute 84-Jährige. So war er schon als kleiner Bub unter anderem «chavrer», der die Geissen im Dorf mit dem Horn zusammenrief und dann hinauf bis zu den Hängen nach Jonvrai und Mot da Ri trieb. Unterwegs pflückten die Kinder zur Blütezeit Enziane und Alpenrosen, um sie an die Patienten im Spital zu verschenken oder an die Feriengäste im Dorf zu verkaufen. «Zwei Franken bekamen wir für ein Sträusschen, das war damals viel Geld für uns», erzählt er. Das Taschengeld wurde allerdings daheim abgegeben.
Rehe füttern mit dem Lehrer
Pep Schaniel ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, in einem alten Haus ohne Zentralheizung und mit offenem Feuer in der Küche. Das Wasser wurde beim Brunnen geholt. «Wir haben jeweils zu zweit in einem Bett geschlafen», erzählt er. Zur Schule gingen die Jungen auch im Winter mit kurzen Hosen, dann aber mit dicken, langen Socken und schweren Schuhen. Skifahren haben Pep und seine Geschwister auf den Hängen hinter ihrem Haus gelernt. Viel Freizeit gab es aber nicht in seiner Kindheit.
Eine willkommene Abwechslung brachten die Scuoler Bräuche: Pangronds am 26. Dezember, Hom Strom jeweils am ersten Samstag im Februar, Chalandamarz am 1. März. Gerne erinnert sich Pep Schaniel auch an die Ausflüge zu den Futterstellen der Wildtiere im Winter. «Gemeinsam mit dem Lehrer schulterten wir Säcke und liefen mit den Skiern zu den Raufen, um im Auftrag der Jägerschaft die Rehe zu füttern», erinnert er sich. Diese Erfahrung war der Grundstein für seine Faszination für das Wild.
Unvergessliche Jagderlebnisse
Seine Schreinerlehre absolvierte der junge Pep bei Abraham Friedt, der auch Gemeindepräsident von Scuol war und Grossrat. «Schon mein Vater war handwerklich begabt und stellte vieles selbst her», erklärt Pep Schaniel seine Berufswahl. Jäger war der Vater aber nicht, während der Sohn schon als junger Mann die Jagdprüfung ablegte.
Mit zwei guten Jagdkollegen erlebte er im Gebiet Lischana bei Scuol und in Tavrü in der Val S-charl unvergessliche Momente, an die er sich noch lebhaft erinnert und gerne erzählt. «Ich war zwar ein Gamsjäger, habe aber auch einige schöne Hirsche erlegen können», sagt er. Und er habe schöne Erinnerungen an Feste und Kollegialität während der Jagdzeit.
Ein Start als Steinbockfallen-Bauer
Nach der Lehre erfuhr Pep Schaniel von einem ehemaligen Arbeitskollegen, dass die Schreinerei Fliri in Samedan Mitarbeiter suchte, und er ergriff die Gelegenheit. In dieser Schreinerei lernte er unter anderem, Intarsien zu fertigen. In der Chesa Torta sind seine wunderschönen Verzierungen noch an einigen Möbelstücken zu sehen. Das Haus in Scuol hat er später auch umgebaut und immer wieder Schreinerarbeiten für Freunde und Bekannte erledigt.
Dass er 26-jährig die Stelle des Wildhüters bekam, verdankt er unter anderem seinem handwerklichen Geschick, denn zu dieser Zeit wurden Fallen für Steinböcke benötigt, die er herstellen oder reparieren konnte. Die Albris-Steinbockkolonie war zu gross geworden, und so wurden viele Steinböcke gefangen und umgesiedelt. «Unter den Wildhütern habe ich wohl die meisten Steinböcke gefangen», sagt er nicht ohne Stolz.
Als der erste Bartgeier auftauchte
Als Wildhüter war Pep Schaniel für ein weitläufiges Gebiet zuständig, von Samedan bis Madulain, von der Val Bever bis zuhinterst in die Val Chamuera. Unterwegs war er mit dem Fahrrad oder zu Fuss. Sein Aufgabengebiet war vielfältig, von der Kontrolle auf den Alpen zum Fassen von Wilderern über Pilz- und Fischereiaufsicht bis hin zur Kontrolle des erlegten Wildes während der Hoch- und Niederjagd.
Gute Ortskenntnisse, ein Instinkt für Widersacher, viel Lauffreude und Begeisterung für die Bergwelt sind laut Pep Schaniel unerlässlich als Wildhüter. Und auch ein guter Schütze muss er sein. Viele kranke und schwache oder verletzte Tiere musste er während seiner Karriere erlegen. «Das Verhältnis mit der Jägerschaft war in der Regel gut, aber es gab auch immer wieder schwarze Schafe», erinnert er sich.
Gerne erinnert er sich an den Tag, als sich der erste Bartgeier 2006 in der Val Chamuera niedergelassen hat. Seitdem beobachtet und dokumentiert Pep Schaniel, was der imposante Vogel macht. «Ich kann ihn von der Stube aus mit dem Fernrohr beobachten», erzählt er, während er seine Aufzeichnungen zeigt. Das Wetter, die Temperatur und andere Tiersichtungen vermerkt er ebenfalls in diesem Heft. «Erst vor wenigen Tagen habe ich eine Gämse mit Kitz gesehen», erzählt er.
Im Sommer locken die Berge
Seine Frau Norina lernte Pep Schaniel einst beim Langlaufen kennen. Sie betrieb damals den Skilift in Chamues-ch. Mit der Heirat kamen auch zwei Kinder aus früherer Ehe in Pep Schaniels Leben. Später wurden noch zwei gemeinsame Söhne geboren. Inzwischen leben alle Kinder und die vier Enkelkinder in der Deutschschweiz. In der Chesa Torta – dem schrägen Haus – lebte die Familie zunächst in Pacht, später konnten Schaniels das Haus kaufen, das der gelernte Schreiner nach und nach umbaute.
Bis heute wohnt er mit seiner Frau hier, inzwischen hat er viele neue Nachbarn erhalten, denn in den vergangenen Jahren wurde rundherum neue Häuser gebaut. Dies, obwohl es im tiefsten Winter nur zwei Stunden Sonne an diesem Standort hat. Zu dieser Jahreszeit arbeitet Pep Schaniel gerne in seiner Werkstatt in der Garage. Im Sommer ist er aber immer noch viel in der Natur unterwegs. «Die Berge sind meine Passion und werden es bis zu meinem letzten Atemzug bleiben», sagt er abschliessend.
Die Serie «Im Wandel der Zeit« wird in Zusammenarbeit mit dem Kulturarchiv Oberengadin realisiert. Ziel der Serie ist, das Wissen vergangener Zeiten zu konservieren.Die Interviews werden aufgezeichnet und für die Nachwelt archiviert.






Diskutieren Sie mit
Login, um Kommentar zu schreiben