Der 13. Juni 1983 war ein Montag, als ich als zehntes Kind meiner Eltern Elison Ulayayi und Rosemary Kwaramba in Chikuse, im östlichen Teil von Kabwe, in der Zentralprovinz von Sambia das Licht der Welt erblickte. Damals hiess diese Region Broken Hillman. Meine Eltern gaben mir den Namen meines Vaters, Elison. Mein Vater wurde 1947 in Südrhodesien (heute Simbabwe) geboren. Meine Mutter, die zehn Jahre jünger ist, stammte ebenfalls aus Südrhodesien, daher ist meine Muttersprache Shona. Meine Eltern sind 1960 wegen der Unruhen zur Unabhängigkeit von Südrhodesien nach Nordrhodesien (heute Sambia) ausge­wandert. Die Unabhängigkeit von Südrhodesien erfolgte 1980, und seitdem heisst das Land Simbabwe und Nordrhodesien wurde zu Sambia. 

Die Sprachenvielfalt in Sambia ist so bunt, wie es Volksstämme gibt. In jeder Region des Landes sprechen die Einheimischen eine andere Sprache. Aufgrund der britischen Kolonialzeit ist Englisch die Amtssprache.

Vier Frauen und über 20 Kinder
Mein Vater war Farmer und besass Ziegen, Hühner und sogar einige Kühe. Auf dem Land, welches uns vom sambischen Staat zugesprochen wurde, baute er Mais an und etwas Gemüse. Wir waren Selbstversorger und verkauften, was wir nicht selbst brauchten, auf dem Markt. Meine Mutter breitete dann jeweils ein Tuch auf dem Boden aus und stellte ihr Gemüse zum Verkauf aus. Einen richtigen Stand aus Holz, wie ihn einige hatten, besassen wir nicht. Wir lebten in einfachen Verhältnissen. Mein Zuhause war ein kleines Haus, aus Ziegelstein gebaut, mit zwei Räumen. 

Mein Vater wollte mehr, und um seine landwirtschaftlichen Ländereien zu vergrössern, heiratete er nach meiner Mutter drei weitere Ehefrauen, was in den Achtziger- und Neunzigerjahren nicht aussergewöhnlich war. Diesen vier Ehen entsprangen 23 Kinder, hungrige Mäuler, die mein Vater alle ernähren und in die Schule schicken musste. Die Hauptverantwortung, die Kinder grosszuziehen, lag jedoch bei den Müttern.

Ein traumatisches Erlebnis
Meine Mutter und mein Vater bekamen zusammen zwölf Kinder. Neun meiner Geschwister sind gestorben, fast alle schon als Kleinkinder. Malaria war tödlich, denn Medikamente oder gar ein Arztbesuch waren unerschwinglich, ein Krankenhaus weit entfernt. Ein einschneidendes und mich traumatisierendes Erlebnis war, als mein kleiner fünfjähriger Bruder Isaac, den ich sehr liebte, an einer Vergiftung starb. Er war der jüngste von uns allen, «the last born», wie es bei uns heisst. Meine Mutter arbeitete auf dem Feld wie jeden Tag, die älteren Geschwister sollten auf die jüngeren aufpassen, obwohl sie selbst noch Kinder waren und Obhut gebraucht hätten. So war das bei allen Familien. Die Eltern arbeiteten, die grösseren Kinder hüteten die kleineren Geschwister.

 Isaac spielte draussen. Er hatte schon länger nicht gegessen und demzufolge Hunger. Er ass von einer Pflanze, nicht wissend, dass diese giftig war. Plötzlich krümmte er sich vor Krämpfen. Er hatte unglaubliche Schmerzen, niemand wusste, was zu tun war. Meine Mutter wurde eilends herbeigeholt, doch auch sie konnte nichts tun. Kein Arzt oder gar ein Krankenhaus war erreichbar. Wir mussten verzweifelt mitansehen, wie mein kleiner Bruder starb. Dieser traurige Tod meines kleinen Bruders hat mich sehr verstört. Ich musste früh lernen, mit Verlusten klarzukommen.

Der erstgeborene Sohn
Heute bin ich der älteste noch lebende Sohn meiner Eltern und somit deren «first born», was in unserer Tradition noch immer eine besondere Stellung bedeutet. Meine Kindheit im Dorf Chikuse war behütet und sorglos, aber auch von harter Arbeit und Strenge geprägt. Wir lebten damals alle zusam­men in einem Familienverbund. Jede Ehefrau bewohnte ihre eigene Hütte mit zwei Räumen, und mein Vater wohnte jeweils eine Woche bei einer seiner vier Frauen. Meine Mutter war die erste Ehefrau und somit die Hauptfrau. 

Die Hauptmahlzeit wurde gemeinsam eingenommen, man ass nur einmal am Tag richtig. Das Kochen im Freien übernahm jede Woche eine der Ehefrauen. Es war eine gute Zeit, wir hatten zu essen, und abends sassen wir alle zusammen am Feuer und hörten uns die Geschichten der Erwachsenen an, was wir Kinder sehr liebten.

 Text und Fotos: Annelise Albertin


Twatasha Sana – Hilfe, die ankommt
Der gemeinnützige Verein Twatasha Sana mit Sitz in Müstair setzt sich für Entwicklungshilfe, Frauenförderung und den Zugang zu sauberem Wasser in Sambia ein. Durch nachhaltige Projekte sollen die Lebensbe­din­gun­gen vor Ort verbessert werden. «Hilfe, die ankommt» lautet das Credo. «Wir unterstützen Menschen in Sambia mit nachhaltigen Projekten», schreibt der Verein, der von Dennis und Stephanie Ulayayi gegründet wurde. Spenden und Sponsoring: 
Kto. CH85 0077 4010 5353 5410 0