Es ist ein aufwendiges Unterfangen, Frauen der Bündner Musikgeschichte aufzuspüren. Über Jahrhunderte blieben Frauen von der öffentlichen Musikkultur ausgeschlossen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten verschafften sie sich zunehmend mehr Gehör, Raum und Sichtbarkeit. Heute ist das musikkulturelle Frauenengagement nicht mehr wegzudenken. Wie frauenlos war die Musikkultur in der Vergangenheit tatsächlich? Und wo durften sie sich musikalisch ausdrücken? Diesen und weiteren Fragen ging Laura Decurtins, Musikwissenschaftlerin mit Wurzeln im Engadin und in der Surselva, während drei Jahren Forschungsarbeit nach. Nun liegt ihre am Institut für Kulturforschung Graubünden (ikg) erarbeitete Studie «Starke Stimmen. Frauen in der Bündner Musikkultur» in Buchform vor.

Eine Lücke schliesst sich
Die Bündner Musikkultur ist primär eine populäre Laienkultur. Insbesondere Frauen durften lange Zeit keine professionelle Laufbahn in der Musik einschlagen. Ihre Talente sollten sie im privaten Rahmen entfalten. Selbst jene Frauen, die in einem Verein oder im Schulbetrieb ihren Beitrag zur Musikkultur leisteten, hatten einen schweren Stand in dieser männerdominierten Domäne. Mitte des 20. Jahrhunderts öffnete sich die Musikkultur für Frauen, und es zeigte sich, «welches Potenzial hier zurückgehalten worden war und wie Frauen eine regionale Musikkultur lebendig halten und voranbringen konnten», so Decurtins. 

Wenn Decurtins von «musikkulturellem Handeln» schreibt, meint sie Komponieren, Interpretieren, Fördern, Rezipieren und Verlegen von Musik. Die Autorin möchte mit ihrer Forschungsarbeit eine Lücke im Wissen über die Bedeutung von Frauen in der Bündner Musikkultur schliessen.

Nonnen durften Musik machen
Bisher gibt es kaum Forschungsmate­rial zum Thema. Auch ist die Quellenlage bis Mitte des 20. Jahrhunderts sehr mangelhaft, wie die Musikwissenschaftlerin feststellen musste. «Frauen traten bis vor wenigen Jahrzehnten kaum an die Öffentlichkeit, konnten sich selten ausschliesslich der Musik widmen und hinterliessen entsprechend wenig schriftliche Spuren in der Musikgeschichte». 

Die Kirche bot den Frauen als erste Institution Raum für musikkulturelles Handeln. Ein Beispiel sind die Ordensfrauen im Kloster St. Johann in Müstair. Ihnen war es schon so früh wie sonst nirgends möglich, selbstständig und auf professionellem Niveau musikalisch tätig zu sein. Im 18. Jahrhundert war es den wohlhaben­den Aristokratinnen vorbehalten Musik auszuüben, wie Handschriften aus dem Oberengadin belegen. Töchter aus gutem Hause erhielten eine musikalische Grundausbildung zunächst zuhause, später in einem Töchter-Institut. 

Frauen schreiben erste Liederbücher
Decurtins stellt im Buch unter anderen zwei hochmusikalische Engadinerin­nen vor: Anna Emanuel und Catharina Pool aus Bever. Von Anna Emanuel ist ein prächtiges Stimmbuch, «Cudesch da musica» überliefert, das sie 1773 verfasste. Catharina Pool legte 1750 ein «Musicalisches-Gesangs-Buch» mit geistlichen und weltlichen Liedern an. Dieses Liederbuch wurde erst 2019 in der Chesa Planta in Samedan entdeckt.

Eine weitere einzigartige Frau des 18. Jahrhunderts, die möglicherweise als erste Bündner Komponistin bezeichnet werden könnte, war Mengia Wieland-Bisaz aus Scuol. Ihre «Ovretta musicale» wurde in der Druckerei von Jachen Not Gadina in Scuol in drei Ausgaben gedruckt. Sie verarbeitete mit Dichten und Singen unter anderem den Tod ihres Kindes.

Singen nur in der Kirche erlaubt
Gemischte Chöre zur Pflege des Kirchgesangs existierten in der reformierten Tälern Graubündens bereits im 18. Jahrhundert, wobei das Oberengadin mit seinem berühmten Zuozer Kirchenchor hervorstach. «Unverheirateten Frauen aus wohlhabenden Bürgerfamilien stand eine Mitgliedschaft im Dorf- oder Kirchenchor offen, sofern ihre männlichen Verwandten die Erlaubnis erteilten», schreibt Decurtins. In katholischen Regionen hingegen war Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein einzig in der Kirche das öffentliche Singen erlaubt. 

Meilensteine der Volkskultur
Für die Volksliedbewegung kam im beginnenden 20. Jahrhundert die Wende. Peider Lansel aus Sent nutzte Volkslieder um die sprachlich-kulturelle Identität der romanischen Bevölkerung zu stärken. So empfahl er in einem Referat in Zuoz im Jahr 1913 die Liedersammlung «Chanzunettas da temp vegl», herausgegeben von Lina Liun aus Celerina und Martina Badrutt aus St. Moritz In ihrer Einleitung schreiben sie, dass ihre eigenen Mütter diese 25 Lieder als Jugendliche an Gesellschaftsanlässen gesungen hatten, etwa an Spinnabenden. «Lina Liun und Martina Badrutt haben mit ihren «Chanzunettas› zweifellos zwei Meilensteine der Volkskultur errichtet – als erste Volksliedsammlerinnen, die gleichzeitig das erste praktische Volksliederheft mit Melodien herausgaben», hält die Musikwissenschaftlerin fest. 

In Kirchen, Stube, Schulhauszimmer
Über ein Jahrhundert später werden drei Lieder aus den «Chanzunettas» für das Volksliedprojekt La Grischa von Corin Curschellas neu interpretiert. Gemeinsam mit Astrid Alexandre und Ursina Giger als La Triada singt Corin Curschellas heute A cappella an Orten, an welchen Frauen auch schon früher sangen: in Kirchen, Stuben, Schulhauszimmern.

Das über 370 Seiten starke Buch von Laura Decurtins dokumentiert, wie Frauen schrittweise Sichtbarkeit und Anerkennung in der Bündner Musikkultur erlangten. Sie lässt auch die neue Generation von professionellen Musikerinnen von ihren Berufs- und Lebensrealitäten erzählen. Decurtins holt mit «Starke Stimmen» die musikalischen Beiträge von Frauen im Bündner Kulturleben aus der Vergessenheit und ergänzt die bisherige Bündner Musikgeschichte auf informative und unterhaltsame Weise.

Laura Decurtins: Starke Stimmen. Frauen in der Bündner Musikkultur Chronos Verlag 2026. 373 Seiten.