Ich zog mit der Familie von Onkel Wickson nach Wiliam in der Nähe von Golden Valley, wo wir ein Stück Land erhielten. Dort bauten wir zum Wohnen einen mit Gras umzäunten Unterstand. Da ich die Schule nicht weiter besuchen konnte, suchte ich nach Arbeit, um die Familie meines Onkels zu unterstützen. Ich hatte Glück und fand einen Job als Aushilfsarbeiter auf einer Farm in Golden Valley. Wieder marschierte ich jeden Morgen zehn Kilometer zur Arbeit und abends zurück.

 In dieser Zeit lernte ich den Bruder meines Freundes Suzyo kennen. Mister Benjamin Lwanja war Lehrer an der Primarschule in Golden Valley. Mister Lwanja lebte allein und bot mir an, bei ihm zu wohnen, damit ich mir den täglichen langen Arbeitsweg sparen konnte. Für mich war das ein Glücksfall und erleichterte mein Leben. Ich gönnte mir nichts und sparte so viel meines Lohnes wie nur möglich. 

«Fight for yourself»
Mein Betreuer, Mister Lwanja, ermun­terte mich, meine Schulausbildung an der Grundschule in Golden Valley zu vervollständigen. Ich war inzwischen achtzehn Jahre alt und fühlte mich zu alt, um nochmals die Schulbank zu drücken, denn ich musste ja wieder in die achte Klasse eintreten. Aber Mister Lwanja liess nicht locker und half mir beim Eintritt in diese Schule. Mit meinen Ersparnissen konnte ich die Schulbücher und die Schuluniform kaufen. So begann ich neunzehnjährig die neunte Klasse und wurde auch sofort zum Schulsprecher gewählt, was mich sehr stolz machte.

Zwischendurch konnte ich immer wieder auf der Farm arbeiten und Geld sparen, um mein Leben zu finanzieren. Denn eines hatte ich in all diesen Wanderjahren mit aller Härte gelernt: «Fight for yourself.» Ich war auf mich gestellt, ich musste für mich kämpfen, keiner würde es für mich tun. Aber ich hatte auch sehr viel Glück und fand immer eine Bezugsperson, die mir zur Seite stand und mir half.

Eine traurige Nachricht
In dieser Zeit, es war 2004, musste ich erneut einen Verlust verkraften. Mein älterer Bruder Amos war psychisch nicht sehr stabil und sah wegen eines Zwists mit der Familie keinen Ausweg mehr. Er nahm sich, nur 25-jährig, das Leben. Vier Tage lang war er verschwunden und wurde überall gesucht. Man fand ihn, er hatte sich an einem Baum erhängt. Es war ein Schock für uns alle, und mich als zwanzigjähriger Bursche traf es mitten ins Herz. Ich war traurig über Amos’ Tod und fragte mich ständig, was ich hätte tun können, um ihm zu helfen. Aber wir hatten uns vorher schon länger nicht mehr gesehen, weil ich ja von zu Hause fort war. Ich hatte seinen seelischen Schmerz nicht erkannt.

Die Prüfungen nach der neunten Klasse schloss ich als einer der Besten ab und war ausgewählt, um das zehnte Schuljahr an der Internatsschule «Mkushi Secondary School» zu besu­chen. Aber ich hatte nicht genügend Geld gespart, um das Internat zu bezahlen. Was sollte ich tun? 

Von Amt zu Amt
Ich wollte unbedingt meinen Schulab­schluss an der Highschool machen. Es gab Organisationen, welche mittellose alleinstehende Kinder unterstützten. Ich kämpfte mit allen Widerständen, suchte die Ämter auf, von denen ich mir Unterstützung erhoffte. Dazu musste ich in die Stadt fahren, mir günstige Transportmöglichkeiten organisieren und in Notunterkünften übernachten, da ich ja kein Geld hatte, um in einem der Gästehäuser ein Zimmer zu buchen. 

Meine Hartnäckigkeit und meine Anstrengungen wurden belohnt. Endlich bekam ich die Bewilligung für ein Stipendium, welches meine Schulkosten decken würde. Ich war überglücklich und freute mich, dass ich meine Schulausbildung an der Mkushi Secondary School abschliessen konnte. Ich packte also meine Siebensachen und begab mich ins Internat, zwar ohne Schuluniform und die benötigten Schulutensi­lien, das Geld reichte gerade noch für die Fahrt dorthin. Aber ich war eingeschrieben und in einem Schlafsaal der Schule eingebucht, was wollte ich noch mehr? Mein Leben als Internatsschüler konnte beginnen.

Infos zur Person
Dennis Ulayayi stammt aus Sambia und lebt heute in der Val Müstair. Auf der Grundlage seiner persönlichen Notizen hat seine Schwiegermutter seine Lebensgeschichte aufgeschrieben – von der Kindheit in Sambia bis zu seinem heutigen Leben in der Schweiz.

Twatasha Sana – Hilfe, die ankommt
Der gemeinnützige Verein Twatasha Sana mit Sitz in Müstair setzt sich für Entwicklungshilfe, Frauenförderung und den Zugang zu sauberem Wasser in Sambia ein. Durch nachhaltige Projekte sollen die Lebensbe­din­gun­gen vor Ort verbessert werden. «Hilfe, die ankommt», lautet das Credo. «Wir unterstützen Menschen in Sambia mit nachhaltigen Projekten», schreibt der Verein, der von Dennis und Stephanie Ulayayi gegründet wurde. Spenden und Sponsoring: Kto. CH85 0077 4010 5353 5410 0 

Autorin: Annelise Albertin
Foto: z. Vfg / Dennis Ulayayi

Alle weiteren Artikel dieser Sommerserie finden Sie im Dossier «Sommerserie».