«Wenn man in Formalin oder Alkohol eingelegt ist, kann man nicht erwarten, dass einem gute Gedanken kommen.Man schwebt einfach so dahin: körperlich, gedanklich, zeitlich». Mit diesen Worten startet der Lindwurm von Charnadüra seine Geschichte. Er schwebt zurück in die Zeit, als er noch nicht in einem Glas in einer «grausigen Wunderkammer des absonderlichen Lebens» lag, sondern die Bevölkerung im Engadin in Angst und Schrecken versetzte.
Er wollte eigentlich nur seine Ruhe
Bereits der Chronist Ulrich Campell erwähnte im 16. Jahrhundert das schlangenartige Wesen, bei dem allein der Anblick Kopfschmerzen bereitet haben soll. Dabei wollte der Lindwurm, der in der Charnadüra-Schlucht bei St. Moritz lebte, eigentlich nur seine Ruhe haben. Er war mit dem Drachen vom Stazerwald ebenso befreundet wie mit dem Drachen von Macun. «Mit Menschen hatte ich glücklicherweise wenig zu tun», erzählt er. Die Menschen bekamen nämlich nicht nur Kopfschmerzen bei seinem Anblick, sie erstarrten vor Angst «und in ihrem Schrecken zerbrachen sie sich wörtlich den Kopf».
Aber es gab noch solche, die sich innerlich den Kopf zerbrachen, weil sie mit ihrem Leben haderten. Ihnen zischelte der Lindwurm zu, es den Schwalben gleichzutun und aus dem Tal zu verschwinden und das Glück in der weiten Welt zu suchen. Das klappte gut, denn ein Jahrhundert nach Campells Lindwurm-Erzählung waren schon um die 3000 Bündner in Venedig, die meisten davon Engadiner. Der Lindwurm erzählt auf amüsante Art und Weise, wie die Zuckerbäcker-Erfolgsgeschichte eigentlich sein Verdienst gewesen ist – und wie «ein angelsächsisches Exemplar von Lindwurm» plötzlich Menschen ins Engadin schickte, und es damit endgültig vorbei war mit seiner Ruhe. Der Tourismus war geboren.
Sagenwesen erhalten eine Stimme
«Sagen bilden einen wichtigen Bestandteil der Bündner Erzählkultur und des Bündner Kulturerbes», sagt dazu Thomas Kaiser, der Gründer von «la narrada». Wer durch Graubünden streife, könne dieses Erbe auf Schritt und Tritt spüren. «La narrada» soll nicht nur als Sagenarchiv verstanden werden, sondern als «Erfahrungsraum». Das Portal macht die Sagen frei zugänglich – geordnet nach Talschaften und mit Karten, auf denen sie sich genau lokalisieren lassen. Zudem bietet «la narrada» Hintergründe und Erklärungen zu den Sagen, etwa in sogenannten «Lesestücken».
Das Erzählen hat begonnen
Besonders das Format «La narrada» gibt Drache, Wildmannli oder dem Totenvolk eine Stimme. Die Sagenwesen erzählen ihre eigene Version der Bündner Geschichte. Ihre Erzählungen sind als sogenannte «Hörstücke» abrufbar. Jede Woche - jeweils am Donnerstag um 19.00 Uhr - gibt es eine neue Episode. Die Hörstücke werden professionell erarbeitet. Die Texte stammen jeweils von Thomas Kaiser, als Sprecher fungiert Nikolaus Schmid, für die Musik und Produktion zeichnet Lou Zarra verantwortlich. Das erste Hörstück «Der Lindwurm von Charnadüra» feierte am vergangenen Donnerstag Premiere. Abrufbar ist die Sage auf www.narrada.ch.




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