Am Freitag, 16. Oktober, empfing das Edelweiss Vertreter aus dem Dorf, der Politik und der Hotellerie sowie Geschäftspartner und Lieferanten. Der Samstag gehörte den langjährigen Stammgästen, die dem Haus seit Jahrzehnten verbunden sind. Das Festprogramm schlug eine Brücke in die Vergangenheit. Unter dem Titel «Ein altes Haus und seine Geister» liessen die Autorin Selma Mahlknecht und der Historiker Kurt Gritsch mit einer litera­risch-theatralischen Darbietung die Zeit von Friedrich Nietzsche und Lou von Salomé aufleben. Isabella Klim am Cello und Malwina Musiol am Klavier begleiteten den Anlass.

Ein Haus voller Geschichten
Wer heute den historischen Speisesaal des Edelweiss betritt, begegnet dieser Vergangenheit auf Schritt und Tritt. «Wenn die Mauern sprechen könnten, hätten sie unheimlich viele Geschich­ten zu erzählen», sagt Gastgeberin Madeleine Petermann. General Manager Dominik Zurbrügg ergänzt: «Für mich sind es nicht 150 Jahre Geschich­te, sondern 150 Jahre Geschichten.» Ein Hotel sei eine Bühne für die Erlebnisse seiner Gäste.

Die Anfänge des Edelweiss
Den Anfang machte der Silser Paul Zuan. 1875 liess er ein vierstöckiges Hotel mit mehr als 60 Gästebetten errichten. Im Sommer 1876 empfing es seine ersten Gäste. Die Eisenbahn hatte das Hochtal damals noch nicht erreicht. Wer von Chur anreiste, war mit der Postkutsche weit über zwölf Stunden unterwegs.

Das Edelweiss wuchs mit dem Tourismus. 1893 übernahm eine Aktien­gesellschaft um den Bankier Gian Töndury-Zehnder das Haus. Zwischen 1901 und 1908 folgten umfangreiche Erweiterungen, darunter ein Südflügel mit Eckturm und ein erweiterter Speisesaal. Elektrisches Licht und Zentralheizung brachten Fortschritt. Auch Friedrich Nietzsche soll hier gespeist haben.

Doch die Geschichte verlief keineswegs geradlinig. 1901 richtete ein Brand Schäden an. Später trafen die Weltkriege und Wirtschaftskrisen den Engadiner Tourismus. Während des Zweiten Weltkriegs blieb das Hotel zeitweise geschlossen. Die Herausforde­rung, sich zu verändern, ohne den Charakter des Hauses zu verlieren, ist bis heute geblieben.

Bewahren und erneuern
«Ein solches Haus übernehmen zu dürfen, ist etwas Schönes», sagt Petermann. Selbstverständlich sei es nicht, dass ein Hotel 150 Jahre überdauere. Die Verantwortung bringt allerdings auch Schwierigkeiten mit sich. Historische Bausubstanz, Denkmalschutz, Sicherheitsvorschriften und steigende Komfortansprüche müssen miteinan­der in Einklang gebracht werden. Das kostet Geld, oft für Anpassungen, die Gäste kaum wahrnehmen. «Wir inves­tieren viel Geld in Dinge, von denen der Gast nichts sieht», sagt Zurbrügg.

Für ihn ist die Weiterentwicklung deshalb ein ständiges Abwägen. Welche Neuerungen bringen das Haus tatsächlich voran, welche Trends sind nach wenigen Jahren wieder vergessen? «Man muss nicht jedem Trend hinterherrennen», sagt er. Ein Traditionshotel müsse sorgfältig prüfen, ohne alles beim Alten zu belassen.

Hinzu kommen die Erwartungen der Stammgäste. Wer seit Jahrzehnten wiederkehrt, möchte Vertrautes wiederfinden. Zurbrügg weiss, dass Verän­de­rungen Widerstand auslösen können. Trotzdem müsse man den Mut haben, Bestehendes zu hinterfragen. «Die Hotellerie lebt vom Herzen», betont er. Nicht jeder Wunsch könne aber die Entwicklung des Betriebs bestim­men.

Das Herz des Hauses
Ein wichtiger Teil dieser Kontinuität sind die Mitarbeitenden. Das Edelweiss verfüge über ein langjähriges Kernteam, sagt Zurbrügg. Wer regelmässig wiederkomme, treffe auf vertraute Gesichter und werde persönlich begrüsst. «Das Herz und das Gefühl finden zwischenmenschlich statt», sagt Zurbrügg. Die Farbe eines Polsters sei letztlich zweitrangig. Entscheidend sei, dass sich die Gäste auch nach Verände­rungen weiterhin willkommen fühlten. Die Menschen gäben dem Haus seine Identität.

Die Zukunft im Blick
Zurbrügg spricht von einem laufenden Strategieprozess, in dem die Entwicklung des Edelweiss bis 2035 skizziert werde. Sein Wunsch sei ein Projekt mit einem spürbaren «Wow-Effekt» für Sils. Das Haus solle nicht bloss als traditionsreicher Name wahrgenommen werden, sondern als klar positionierte Marke. Dafür müsse man entscheiden, welche Gäste man künftig besonders ansprechen wolle. Denn die Stammgäste von heute garantieren nicht die Auslastung von morgen. 

Sils ziehe vor allem Gäste aus der Schweiz und Deutschland an. Die nächste Generation werde aber nicht automatisch dieselben Feriengewohnheiten übernehmen. «Wir müssen nicht Everybody‘s Darling sein», sagt Zurbrügg. Ein geschärftes Profil könne bedeuten, einzelne bisherige Gäste zu verlieren, dafür neue zu gewinnen. Die Verantwortung dafür liege beim Hotel, nicht bei der Destination.

Auch längere Öffnungszeiten über die Saisons hinaus sind ein Thema. Einen Ganzjahresbetrieb beurteilen Petermann und Zurbrügg zurückhaltend. Petermann schätzt die ruhigeren Zwischenzeiten – für Mitarbeitende, Einheimische und die Natur. Eine Verlängerung im Herbst könne sie sich eher vorstellen als im Frühling. Zurbrügg verweist auch auf die Verkehrsanbindung.

Nach 150 Jahren steht das Edelweiss damit erneut vor Entscheidungen, deren Folgen erst kommende Generationen beurteilen werden. Die Aufgabe bleibt anspruchsvoll: das historische Haus bewahren, ohne es zum Museum zu machen. Damit zu den 150 Jahren Geschichten weitere hinzukommen.

Autorin: Sina Margadant
Fotos: z. Vfg Hotel Edelweiss / Jenny Murin