Ein Montagmorgen Mitte Oktober in Guarda. Friedlich wirkt das Bergdorf. Die Sonne scheint, vereinzelt laufen Wanderer die Hauptstrasse entlang. Sonst herrscht Stille. Im Hotel Meisser tritt ein Gästepaar aus dem Frühstücksraum, eine Reinigungsfachfrau staubsaugt die Stüva, die Rezeptionistin sitzt am Computer. Die Sommersaison neigt sich dem Ende zu. Für Valeria Walther und Lukas Müller war es der erste Sommer als Direktionspaar in Guarda. Hier, im allgemein als Schellen-Ursli-Dorf bekannten Ort, sind der Juli und der August die stärksten touristischen Monate. Im November schliesst das Meisser Resort Guarda bis zum 18. Dezember. Dann wird alles für die Feiertage bereitgemacht.
Arbeit und Hobbys sind vereinbar
Im Dezember des vergangenen Jahres haben Valeria Walther und Lukas Müller die Direktion des Resorts mit insgesamt fünf Häusern übernommen. Sie ist 29 Jahre alt, stammt aus einer Hoteliersfamilie aus Pontresina und hat eine kaufmännische Ausbildung und die Hotelfachschule in Thun absolviert. «Ich war in den vergangenen Jahren an der Front im Rezeptionsbereich tätig», erzählt die junge Frau. Er ist 31 Jahre alt, kommt aus Appenzell, hat eine Kochlehre und die Hotelfachschule in Luzern gemacht und war als Koch im Bereich Gourmet-Küche unterwegs. Bei der Arbeit im Resort Hof Weissbad (Kanton Appenzell) hat sich das Paar kennengelernt.
«Wir haben uns für eine gemeinsame Direktionsstelle entschieden, weil wir als Paar den nächsten Schritt machen wollten», erzählt sie. Für beide war klar: Sie möchten in die Berge. Valeria Walther ist eine passionierte Reiterin – und bekannte Skikjöring-Fahrerin – und Lukas Müller ist ein ambitionierter Trailrunner. Das Stelleninserat für das Meisser Resort Guarda hat sie sofort angesprochen. «Als wir dann das erste Mal da waren, haben wir gemerkt: Guarda ist nicht nur schön, hier können wir leben», erzählt Valeria Walther.
Im Winter wird halt auch gewandert
Die erste Silvesterfeier im Hotel Meisser war für das Paar besonders, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie in Hotels gearbeitet, in denen an Silvester gross gefeiert wurde. In Guarda blieb es ruhig und besinnlich. Die Gäste nahmen sich eine Laterne beim Hoteleingang und spazierten durchs stille nächtliche Bergdorf. «Wir haben gespürt: Die Gäste hier wollen Ruhe und im Winter wird hier halt auch gewandert», so die Direktorin. Lukas Müller kümmert sich unter anderem um das Marketing. «Es ist eine Herausforderung, den Winter in Guarda zu vermarkten», sagt er. Das Skigebiet ist zu weit entfernt, ausser Schneeschuhwandern und Winterwandern kann man in Guarda während der kalten Jahreszeit nicht viel unternehmen.
«Die Hochsaison im Sommer ist eine kurze Zeit», sagt er. Umso erfinderischer müsse man für die anderen Jahreszeiten sein, zum Beispiel mit wetterunabhängigen Angeboten wie Yoga- Retreats. Bereits jetzt hat die Werbung für die Skitourensaison im nächsten Frühling begonnen – und die Buchungen trudeln ein. Gerade die beliebte Hochgebirgsroute von der Heidelberger Hütte zur Chamonna Tuoi könnte eine Chance für das Meisser Resort sein.
Obwohl das Schellen-Ursli charakteristisch für Guarda ist, sind Familien die Ausnahme im Meisser Resort. Im Haupthaus ist eher die ältere Generation anzutreffen – «fitte Gäste», wie Valeria Walther betont. In die Meisser Lodge kommen vor allem junge Sportlerinnen und Sportler, in der Romantica gilt «Adults only». «Zu uns kommt, wer Ruhe und Natur, persönliche Gastfreundschaft und Kulinarik geniessen möchte», erläutert Lukas Müller das Hotelprofil.
Guarda ist nicht international bekannt, Schellen-Ursli schon. Deswegen sehen Valeria Walther und Lukas Müller noch Potenzial, dieses Alleinstellungsmerkmal generationenübergreifend zu vermarkten. «Es ist ein Kulturgut und weckt Emotionen und Erinnerungen», so die Direktorin. Ideen für Angebote und Projekte haben sie bereits.
Herzlich aufgenommen worden
Mehr Gästevolumen über das ganze Jahr verteilt, das wäre ihr Wunsch. Und irgendwann Jahresstellen für Mitarbeitende bieten zu können. Guarda funktioniert als Arbeitsort nur für jene, die gerne in der Natur sind und sich mit dem Ort und dem Hotel identifizieren können. 28 Mitarbeitende hat Meisser Resort im Sommer, im Winter sind es zehn weniger. In den vergangenen Jahren hat es mehrere Direktionswechsel gegeben.
Das neue Direktionspaar möchte erhalten, was gut im Betrieb läuft, und ändern, wo Verbesserungen notwendig sind. «Wir sind von den Einheimischen vom ersten Tag an sehr herzlich aufgenommen worden», sagt Valeria Walther. Ihnen sei es wichtig, auch ein Betrieb für die Einheimischen zu sein, für Familienfeiern oder Firmenanlässe.
Und sie möchten enger mit den lokalen Betrieben zusammenarbeiten, von der Kunstschmiede bis zur Kräuterproduzentin. Anfang Oktober hat Guarda wegen der geplanten Modeschau der Luxusmarke Moncler für Schlagzeilen gesorgt (Ausgabe vom 8. Oktober). Die Frage, ob so ein Event zu Guarda passt, wurde in den Medien und in den sozialen Medien kontrovers diskutiert. «Als uns diese Idee unterbreitet wurde, haben wir die Vor- und die Nachteile abgewogen und sind zum Schluss gekommen: Das ist unsere Chance», erzählt Lukas Müller. Guarda könnte mehr Bekanntheit erlangen, es gäbe mehr Leben während der ruhigen Winterzeit im Dorf, die Auslastung im Hotel könnte verbessert werden. «Wir alle leben in irgendeiner Form vom Tourismus und hoffen, dass dieser Anlass einen Aufschwung mit sich bringt», meint Valeria Walther.
Eine einmalige Gelegenheit
Laut dem Direktionspaar ist der Austausch mit Moncler sehr eng. Die Verantwortlichen seien auf die Einheimischen zu- und vor allem auch eingegangen. Sie sollen auch während des Events einbezogen werden. Authentizität und Nachhaltigkeit sei Teil des Konzepts der Modenschau. Während zwei Wochen soll ein sanfter Aufbau erfolgen, in dieser Zeit ist der Staff im Meisser Resort untergebracht. Die Models reisen hingegen vermutlich erst am Tag der Show an. Die letzten Verhandlungen laufen.
«Wir sind noch kein Jahr da, aber wir fühlen uns verantwortlich gegenüber dem Betrieb, den Mitarbeitenden und der Dorfgemeinschaft », so Valeria Walther. Um den touristischen Motor am Laufen zu halten, brauche es solche Ereignisse. «Und klar ist es für uns als junge Hoteliers eine einmalige Gelegenheit, bei so einem Event mitzuwirken».
Lukas Müller ist überzeugt, dass Guarda und die Region von der Reichweite der exklusiven Veranstaltung profitieren wird. «Es gibt auch in diesen Kreisen Leute, die nicht auffallen wollen und Ruhe suchen – dafür sind wir der richtige Ort», sagt er.
Das neue Direktionspaar bezeichnet sich als offen. «Wir möchten bewahren, was in den letzten Jahren aufgebaut wurde, aber wir möchten auch frischen Wind hineinbringen», sagt Valeria Walther.






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