Vulpera und seine Hotellandschaft (von links):  Die Villa Wilhelmin, das Hotel Waldhaus, die Villen Erica, Post, Engiadina und Silvana und rechts das markante Hotel Schweizerhof mit der Dependance Bellevue. Foto: Fundaziun Fotografia Feuerstein

Vulpera und seine Hotellandschaft (von links): Die Villa Wilhelmin, das Hotel Waldhaus, die Villen Erica, Post, Engiadina und Silvana und rechts das markante Hotel Schweizerhof mit der Dependance Bellevue. Foto: Fundaziun Fotografia Feuerstein

Das Waldhaus hatte eine gewaltige Bedeutung

Das Hotel Waldhaus Vulpera war ein eigentlicher Motor für die Entwicklung des Unterengadins. Davon ist der Historiker Paul Eugen Grimm überzeugt.

Der Historiker Paul Eugen Grimm aus Ftan ist ein Kenner der Unterengadiner Geschichte und hat umfangreiche Porträts der Gemeinden Scuol, Ftan und Sent verfasst. Zurzeit recherchiert er zu einem Buch über Tarasp. Wie schätzt Grimm die Bedeutung des einstigen Hotels Waldhaus Vulpera für das Unterengadin und dessen Entwicklung ein?

Mehrfache «Berg- und Talfahrt»
Die Geschichte dieses 1896 eröffneten Hotels war gleich durch mehrere Höhenflüge und Tiefs gekennzeichnet. Doch eigentlich fing sie ein wenig früher an, als das Hotel Waldhaus noch kleiner und eine Pension war. Denn schon in den 1860er-Jahren setzte der moderne Bädertourismus ein. «Die ganze Region war in einem grossen Aufbruch begriffen, auch Scuol», betont Grimm. Wesentlich für die Entwicklung des Tourismus sei aber der Ausbau der Talstrasse entlang des Inn gewesen. Erst die 1861 eröffnete Talstrasse vereinfachte den Gästen die An- und Abreise. Doch es kam im aufblühenden Tourismus bald mal zu Problemen: 1866 befanden sich Preussen, Österreich und Italien im Krieg, 1870/71 trugen Deutschland und Frankreich einen Krieg aus, der den Tourismus zum Erliegen brachte. Davon erholte sich das Kurhaus nur langsam. Dann aber, in den 1880er- und 1890er-Jahren florierte der Tourismus, und das Waldhaus Vulpera war immer ausgebucht. Bis zum Ersten Weltkrieg dauerte dieser Boom, und auch Scuol profitierte von diesem, denn kleine Pensionen wurden abgerissen und Hotels entstanden. Dann folgte der Schock des Ersten Weltkriegs, danach jener der Weltwirtschaftskrise (1931) und dann der des Zweiten Weltkriegs, jeweils mit zwischenzeitlichen Erholungspausen. Nach diesen Wirren nahm der Tourismus wieder Fahrt auf, erlangte aber nie mehr das frühere Niveau. Der Bädertourismus war aus der Mode gekommen. In den 1950er-Jahren nahm zudem die Mobilität zu, und es entstanden konkurrenzierende Angebote in der Paraho‧tellerie.

Kein Aufschwung in Sicht
Verschiedene Konkurse und Besitzerwechsel in Vulpera, auch das Kurhaus betreffend, habe es zwar gegeben, aber eine dauerhafte Wiederbelebung sei bis jetzt nicht zustande gekommen. Grimm ist skeptisch: «Das Waldhaus selber wird sicher nicht mehr aufgebaut. Der Schweizerhof ist leer, das Kurhaus ebenso. Investoren aus den USA, Holland und Italien lösen sich ab und künden Wiedereröffnungen an, die aber nicht stattfinden oder nur von kurzer Dauer sind.» So ungewiss Grimm die Zukunft einschätzt, so sicher ist er sich hinsichtlich der Bedeutung des Waldhauses Vulpera für die Entwicklung des Unterengadiner Tourismus: «Die Bedeutung war gewaltig. Speziell in den 1880er-Jahren bist zum Ersten Weltkrieg. Das Waldhaus wurde als Königin der Hotellerie angesehen und war das Aushängeschild der ganzen Region.» Wegen dieses Hauses fing der Verschönerungsverein an, Spazier- und Wanderwege anzulegen. Es wurde auch ein grosses kulturelles Angebot aufgezogen, mit Kurorchester und Darbietungen lokaler Chöre. Es entstanden Ausflugsbeizli längs der Wanderwege, und schliesslich spielte die Hotellerie auch eine treibende Rolle bei der Finanzierung des Spitals Scuol, das 1908 eröffnet wurde.

Jüdische Gäste waren wichtig
Auch die Rolle der jüdischen Gäste für den Tourismusboom erwähnt der Historiker: «Das war ein grosses und wichtiges Segment. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Die Hochfinanz war weitgehend von jüdischen Familien kontrolliert. Sehr viele dieser internationalen Gäste stiegen im Waldhaus Vulpera ab. Auch zwischen den Weltkriegen.»
Text: Marie-Claire Jur/Foto: Fundaziun Fotografia Feuerstein


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