Die Schmiede von Curdin Niggli ist ein Ort, an dem die Zeit stillgestanden zu sein scheint. Das Herzstück des Raums bildet die Esse mit dem Rauchabzug, vor dem ein massiver Amboss steht. Hammer in verschiedenen Grössen hängen an mehreren Stellen, Skizzen liegen auf einem Holztisch, zwei riesige Blasebälge sind an der Decke befestigt, überall ist Metall in unterschiedlichen Formen und Grössen zu sehen, ein Sammelsurium an fertiggestellten und noch nicht angefangenen Werken.
Curdin Niggli sagt über sich: «Ich bin ein Handwerker, kein Künstler.» In Samedan hat sich der Kunstschmied Ende der Achtzigerjahre diese Schmiede eingerichtet. Im Elternhaus, wo er mit seinen vier Brüdern aufgewachsen ist. Der Vater war bei der Post angestellt. Nebenher führte er noch einen kleinen Bauernhof. Die Liebe zu Tieren hat Curdin Niggli übernommen. Gleich neben seiner Schmiede sind seine sieben Appenzeller Hühner und elf grosse, rotbraune Rex-Kaninchen untergebracht. Mit den Kaninchen nimmt er sogar an Wettbewerben teil.
«Ich wollte mit Pferden arbeiten»
Schmied ist heutzutage ein seltener Beruf. Bei Curdin Niggli liegt er zwar in der Familie – der Urgrossvater mütterlicherseits war Hufschmied –, aber in Kontakt mit diesem Handwerk kam der junge Curdin eigentlich, weil der Vater Pferde hatte und diese beschlagen werden mussten. «Ich wollte mit Pferden arbeiten», erzählt er. Bauer sei für ihn keine Option gewesen. Und so ging er nach der obligatorischen Schulzeit in Maienfeld bei einem Huf- und Wagenschmied in die Lehre. Dort lernte er Pferde zu beschlagen und auch das Handwerk des Schlossers – damals gehörte beides zum Beruf. Der junge Engadiner lernte Eisen schmieden, das klassische Schmieden und die Arbeit mit Blech. Vor allem die Schlosserarbeiten gefielen dem Lehrling.
Den Weg zurück nicht gefunden
Dreienhalbjahre dauerte die Lehre zu dieser Zeit. «Ich war das erste Mal von zuhause weg und kam jedes Wochenende nach Hause», erinnert sich Curdin Niggli. Körperlich zu arbeiten sei für ihn kein Problem gewesen, das habe er bereits auf dem Hof seiner Eltern gelernt. Obwohl die Pferde der Grund für seine Berufswahl gewesen waren, hat der Samedrin am Ende nie als Hufschmied gearbeitet.
Nach der Lehre bildete er sich als Kunstschmied weiter. «Den Weg zurück habe ich nicht mehr gefunden.» Sein Weg führte ihn in verschiedene Kunstschmieden: zunächst nach Zürich, danach ein Jahr nach Österreich und ein Jahr nach Deutschland. «Dort ist der Arbeitsprozess anders als in der Schweiz, so habe ich mehr oder weniger alle Sparten kennengelernt», erklärt er. Kunstschmied lerne man nicht in einer Schule, sondern indem man mit dem heissen Eisen arbeite, ihn forme, Erfahrungen sammle, so Curdin Niggli.
Niggli stellt Nischenprodukte her
Als «echter Randulin» sei er nach diesen Lehrjahren ausserhalb des Tals schliesslich wieder nach Samedan zurückgekehrt. Dort wartete auch die Liebe auf ihn, seine spätere Ehefrau, mit der er zwei Kinder hat. Von Anfang an war für Curdin Niggli klar, dass er sich mit einer eigenen Kunstschmiede selbstständig machen würde. «Ich wollte das tun, was mir gefällt - und hoffentlich auch den Kunden», erzählt er.
Zu seinen Aufträgen gehören sämtliche Arbeiten aus geschmiedeten Eisen, hauptsächlich Treppengeländer, Fenster- und Türverzierungen, aber auch Skulpturen oder Ausleger für Restaurants. Er stellt Nischenprodukte her. «Das Interesse an handgeschmiedeten Arbeiten ist leider nicht mehr so gross wie früher», sagt der Kunstschmied.
Sorgfältig ausgearbeitete Werke
Bei einem Auftrag sei man als Kunstschmied in seiner Kreativität nicht frei, betont Curdin Niggli. Der Kunde habe Vorstellungen und Wünsche, die er realisiere. Natürlich sei seine Handschrift trotzdem in jedem Werk zu sehen. Auf die Frage, was denn «typisch Curdin Niggli» sei, sagt er ohne zu zögern: «Wenn ein Werk sorgfältig ausgearbeitet ist, dann ist die Chance gross, dass es von mir stammt.» Sein Stil sei auch in den Linien und Formen zu sehen.
Alles, was man schmieden kann, beherrscht Curdin Niggli. So arbeitet er figurativ oder mit Damaszenerstahl. «Ich arbeite mit allen Metallen, so auch mit Edelmetallen wie Silber und Gold», ergänzt er. Einfacher sei natürlich die Arbeit mit Eisen.
Jedes Werk ist ein Unikat
Zu sehen sind die Arbeiten von Curdin Niggli zum Teil im öffentlichen Raum, zum Beispiel in Muottas Muragl. Bei Punt Muragl beim Flaz durfte er eine Auftragsarbeit realisieren, die als Preis an die Gemeinde Samedan ging, nachdem diese den Flaz renaturiert hatte. Das Werk beschreibt der Kunstschmied als eine Art Feder mit verschiedenen Bächlein, die sich sammeln und immer grösser werden, bis sie zum Fluss werden, die Teilung vom Fluss wird mit einem symbolischen Schlüssel dargestellt.
An seinem Beruf schätzt Curdin Niggli gerade die Abwechslung, die dieser mit sich bringt. «Jeder Auftrag ist anders, und jedes Werk ein Unikat», sagt er. Sentimentalität liegt dem Handwerker aber fern. «Sobald eine Arbeit meine Schmiede verlässt, ist die Sache für mich erledigt», meint er ganz nüchtern.
Tierpräparation mit Eisen
Tiere spielen nicht nur im Alltag von Curdin Niggli eine wichtige Rolle, sie gehören zu seinen liebsten Motiven. «Bevor ich den Berufswunsch Schmied hatte, wollte ich Tierpräparator werden», erzählt Curdin Niggli. Das gefalle ihm heute noch. Inzwischen präpariere er einfach Tiere aus Eisen. Was er davon nicht verkaufen kann, behält er einfach für sich.
Besonders sind auch die Masken, die der Kunstschmied herstellt, entweder aus Damaszenerstahl oder aus Buntmetall. Für Letzteres verwendet er die japanische Schmiedetechnik Mokume-Gane, die ihren Ursprung aus der Zeit um 1600 hat. «Die Masken sind für mich eine Herausforderung, ich möchte mein Können unter Beweis stellen, schauen, ob ich es hinkriege». So zu werden, wie seine grossen Vorbilder, die vor über hundert Jahren lebten – darunter Carl Fischer (1838-1891) –, sei für ihn nicht realistisch, aber «ich möchte zumindest in ihrem Schatten stehen».
Im Februar wird Curdin Niggli pensioniert. 49 Jahre hat er in seinem Beruf gearbeitet. Ans Aufhören denkt er nicht. «Ich bleibe Kunstschmied, bis es nicht mehr geht».
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