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Die Pandemie von 1918

1918 wütete die spanische Grippe. Auch im Engadin. Die Massnahmen zur Eindämmung der Krankheit, die damals getroffen wurden erinnern an die heutigen im Kampf gegen Corona. 

2. August 1918 Ober-Engadin. Die Grippe tritt in unserem Tale nur sporadisch auf. Die meisten Fälle verlaufen zudem ganz leicht. Die anfänglich so rätselhaft «spanische Krankheit», die sich inzwischen über andere Länder verbreitet und seit einigen Wochen auch die Schweiz heimgesucht hat, dürfte nunmehr ihres geheimnisvollen Charakters entkleidet sein. Scheint doch kein grosser Zweifel mehr darüber zu herrschen, dass es sich um eine Influenza-(Grippe-)Epidemie handelt, die in ihren klinischen Erscheinungen, in ihrem Verlauf und in ihrer raschen Ausbreitung im allgemeinen der letzten grossen Pandemie der Jahre 1889/94 gleicht.
Die im Volke verbreiteten Gerüchte, als ob es sich um Pest, Cholera oder Fleckfieber handelte, sind daher ganz unbegründet. Die Ansteckung erfolgt dabei durch «Tröpfchen-Infektion». Durch Husten, Räuspern, Niesen, unter Umständen auch schon beim Sprechen, bringt der Erkrankte infizierte Tröpfchen seiner Mundflüssigkeit in die Luft und gefährdet damit Personen seiner unmittelbaren Umgebung, die nun diese Luft einatmen. Wohl aber sollte in Krankenhäusern, sowie in geschlossenen Anstalten jeder Art für die Absonderung der Influenza-kranken Sorge getragen, auch die Zulassung von Besuchern nur auf dringendste Ausnahmefälle beschränkt werden. Wer zu Katarrhen der Luftwege neigt, halte sich möglichst von grösseren Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen fern; ebenso sind ältere, schwächliche, veranlagte oder bereits mit Erkrankungen behaftete Personen von jedem Verkehr mit Influenzakranken fernzuhalten. Endlich sind für die Dauer der Epidémie Versammlungen, festliche Veranstaltungen, grössere Zusammenkünfte und Sitzungen, Masseneinquartierungen u. dgl. zu unterlassen, um nicht der Weiterverbreitung der Epidémie Vorschub zu leisten.

6. August 1918 Zur Verhütung der Grippe. Auf Ersuchen des Landammanns des Kreises Oberengadin hat der Bezirksarzt des Physikates Maloja sich in Sachen der «Grippe» also vernehmen lassen: Bei der seit Juni in der Schweiz aufgetretenen «Spanischen Krankheit» scheint es sich nunmehr mit Sicherheit um die Influenza oder Grippe zu handeln, um dieselbe Krankheit, die 1889 als Epidémie ganz Europa überzog und welche zu anderen Zeiten nur in vereinzelten Fällen oder nur in kleinen Epidemien auftritt. Die Ursache dieses verschiedenartigen Auftretens ist nicht bekannt, ebensowenig die Ursache, warum die schweren Fälle gegenwärtig vorwiegend jüngere Erwachsene betreffen, in der Epidémie 1889 ältere Leute betrafen. Der Erreger der Krankheit ist der Influenzabazillus, nach seinem Entdecker auch Pfeiffer’scher Bazillus genannt.
Wie verschiedene Zeitungsberichte übereinstimmend melden, erkrankten in Zürich in den Gefängnissen die in Einzelhaften sitzenden Insassen und in den Irrenanstalten die isolierten Geisteskranken nicht, während die Wärter und die nicht isoliert gehaltenen Gefangenen und Irren der betreffenden Anstalten zahlreich erkrankten.

17. September 1918 Totentafel. An den Folgen der Grippe ist Fräulein Nina Liss vom Hotel «Bellevue» in Samaden in der Morgenfrühe des eidgenössischen Bettags gestorben. Fräulein Liss ist das erste Opfer der genannten Krankheit unter der einheimischen Bevölkerung. Die Grippe hat die Gemeinde bisher so ziemlich verschont. Nun aber scheint sie an Boden zu gewinnen, was sehr wahrscheinlich mit den Massentransporten von Grippekranken aus dem Albulatal nach dem Kreisspital zusammenhängt

Samaden. Da die Falle von Grippe sich in der Gemeinde mehren, hat die Sanitätskommission verschiedene Massregeln ergriffen, welche eine weitere Verbreitung der Krankheit wehren sollen. Versammlungs- und Tanzverbot, sollen wieder in Kraft gesetzt und aufs Turnen, Singen, Musizieren im Verein, und vielleicht auch auf die Kirche ausgedehnt werden.

20. September 1918 Ratschläge zur Bekämpfung der Grippe. Die Krankheitserreger finden sich hauptsächlich im Speichel, Auswurf und Nasenschleim der Kranken, mit welchen Stoffen dieselben auf Gesunde übertragen werden können. Durch unvorsichtiges Husten und Niessen seitens der Kranken ist die Umgebung besonders gefährdet. Absolut sichere Schutzmittel gegen die Krankheit gibt es nicht, indes sind zur Verhütung der Ansteckung folgende Massregeln zu empfehlen: Dreimal tägliches Gurgeln und Spülen des Mundes mit Kochsalzlösung (1 grosse Messerspitze voll Kochsalz auf ein Glas Wasser) oder mit Wasserstoffsuperoxyd (ein Drittel käufliche Wasserstoffsuperoxydlösung mit zwei Drittel Wasser verdünnt).
Ferner ist gründliches Waschen der Hände, besonders vor dem Essen, dringend zu empfehlen. Kranke sollen beim Husten und Niessen das Taschentuch vorhalten. Besuche bei an Influenza erkrankten Personen sind möglichst einzuschränken. Ansammlungen von Menschen, besonders in engen Räumen, begünstigen die Ausbreitung der Krankheit. Die Lungenentzündung stellt die häufigste und zugleich gefährlichste Komplikation bei der jetzigen Influenza-Epidemie dar. Es ist unverständlich für das Volk, dass, sobald ein Fall von Maul- und Klauenseuche bekannt wird, sofort Regierungsvertreter und auswärtige Viehärzte zur Stelle sind und die eingehendsten Massnahmen ergriffen werden und bei einer Epidémie, die täglich Menschenleben fordert, im Grunde gar nichts geschieht. Die Grippekranken reisen noch unbehelligt in Eisenbahnwagen, benützen den Wartesaal und tragen so die Krankheit überall hin. Es ist bedauerlich, dass man den Dingen den Lauf lässt.

St. Moritz. Massnahmen gegen die Grippe. Um einem weiteren Umsichgreifen der Grippe nach Möglichkeit zu steuern, hat sich der Vorstand im Benehmen mit dem kantonalen Sanitätsdepartement veranlasst gesehen, folgende Massnahmen zu treffen: Von heute ab sind sämtliche Veranstaltungen, die eine grössere Ansammlung von Menschen zur Folge haben, bis auf weiteres verboten. Insbesondere sind untersagt: Öffentliche Konzerte, Theater und Kinos, Tanzvergnügungen, Gesangs-Übungen, Vereins-Turnen, Vereinsanlässe jeglicher Art, öffentliche Begräbnisse und Predigten. Der Gemeindevorstand.

18. Oktober 1918 Es ist unverantwortlich, sich im Krankenzimmer von Grippekranken aufzuhalten, ohne sich durch den Gebrauch von Masken gegen die Einatmung der Keime zu schützen, denn es genügt, dass eine dieser Personen, ohne selbst zu erkranken, wieder mit einem Gesunden spricht, damit sie ihm die frisch im Krankenzimmer aufgenommenen Keime durch den Atemhauch überträgt. Kleider und Wäsche spielen nachgewiesenermassen bei der Verbreitung eine geringe Rolle, da der Bazillus auf die Körperwärme und Feuchtigkeit angewiesen ist, dafür sind umso gefährlicher die gesunden Bazillenüberträger.

22. Oktober 1918 St. Moritz. Grippe. Abgesehen von verschleppten Fällen, die natürlich Ansteckungen zur Folge haben, kann man eine erhebliche Besserung im Gesundheitszustand unserer Bevölkerung konstatieren. Man hüte sich jedoch, ins Unterland zu reisen und wenn es durchaus geschehen muss, sollte man, bevor man in Kontakt mit den Angehörigen und Bekannten kommt, eine gründliche Desinfektion vornehmen. Die Grippe ist eine der bösartigsten Krankheiten, weil sie vielen anderen Infektionen Tür und Tor öffnet.

25. Oktober 1918 Pontresina. Die Grippe hat sich auch in unserem Dorf in letzter Zeit stark verbreitet. Todesfälle sind bis beute glücklicherweise keine vorgekommen. Die Schulen bleiben bis auf weiteres geschlossen.

Grippe. Die Statistik für den 13. bis 17. Oktober gibt folgende Fälle an: für Bezirk Maloja 161 (vorige Woche 123), für Bezirk Inn 269 (161), Bezirk Bernina 280 (220), Münstertal 144 (137), Albula 483 (285). Sie hat also überall Fortschritte gemacht, in geradezu erschreckender Weise im Albulatal. Im ganzen Kanton zählt man 3414 Grippekranke, gegenüber 2162 in der vorhergehenden Woche. Davon sind leider 22 Todesfalle zu beklagen.
29. Oktober 1918 Samaden. Grippe. Die ärztliche Statistik ergibt neue Grippefalle am 22. Oktober = 14; am 23. = 13; am 24. = 14; am 25. = 6; am 26. = 9; am 27. = 4.

12. November 1918 Bekanntmachung. Die Gemeinde Sils i. E. ist bis dato von der Grippe verschont geblieben. Am 5. November dieses Jahres ist die Schule eröffnet worden. Wir sind entschlossen, unser möglichstes zu tun, um auch in Zukunft diese so überaus gefährliche Krankheit von unserer Gemeinde fernzuhalten. Die Kommission zur Bekämpfung der Grippe in Sils i. E. erlässt deshalb folgende Bestimmung: Der Verkehr aus verseuchten Gemeinden mit der Gemeinde Sils i. E. wird unter scharfe Kontrolle gestellt. Zugelassen werden nur Leute, die einen amtl. Ausweis für die unbedingte Dringlichkeit ihrer Geschäfte u. ein ärztliches Zeugnis mitbringen, welch letzteres die völlige Gesundheit der Reisenden bezeugt, sowie angibt, dass die betreffende Person aus einem grippefreien Hause kommt.

22. November 1918 AUFRUF! Zur Aufnahme und Verpflegung der eben vom Aktivdienste zurückgekehrten grippekranken Soldaten des Bataillons 93, musste das alte Spital in Samaden aufs neue eröffnet und als Notspital eingerichtet werden.

Militärisches.
Am späten Abend des vergangenen Mittwoch ist das Bataillon 93 wieder nach Samaden zurückgekehrt und hat dort Quartier bezogen. Leider musste ein grosser Teil unseres Bataillons grippekrank im Unterland zurückbleiben. So fehlen allein in der Gemeinde Samaden sieben Auszüger und nach Bevers sei überhaupt keiner mehr heimgekehrt. Wie man uns von zuständiger Seite mitteilt, sind im Bündnerregiment mehr als 50 Prozent der Soldaten krank geworden, darunter auch der Regimentskommandant Oberstlt. Thoma.
Ob wir grippefrei in den Frieden gelangen werden? Hoffen wir es! Grössere Seuchengefahr als von der Schweiz dürfte unserem Tale übrigens von Italien droben, sobald die Grenze einmal geöffnet sein wird.

Samaden. Grippe. Seit der Entlassung der Truppen, also seit Freitag, den 24. November, sind von den Herren Ärzten auf der Gemeindekanzlei über 100 neue Grippefälle unter der ansässigen Bevölkerung angezeigt worden. Mit grösster Wahrscheinlichkeit können dazu noch 20 bis 30 Erkrankungen gezählt werden, die ausserhalb ärztlicher Behandlung stehen. Wie die Grippe in letzter Zeit bei uns gehaust hat, ist also geradezu erschreckend.
Glücklicherweise ist bis heute alles ohne Todesfall abgelaufen. Wir führen dies, wenigstens zum Teil, auf eine vorsichtige und intensive Behandlung und Pflege der Kranken zurück. Wir meinen das so, dass die Erkrankten und ihre Umgebung, durch trübe Erfahrungen gewitzigt, sich selbst mehr in acht nehmen, als dies bei den Anfangen der Krankheit natürlicherweise der Fall sein konnte.
Nach der Ansicht unserer Ärzte wird die neue, schwere Attacke nicht andauern, da nun bald alles, was der Grippe ausgesetzt ist, die Krankheit durchgemacht hat.

Pontresina. Um der Gefahr einer Weiterverbreitung der Grippe vorzubeugen, beschloss der tit. Schulrat, die übliche Weihnachtsfeier für die Schüler nicht abzuhalten. Dagegen soll jedem Schulkind durch die Lehrer ein Geschenk und auf Wunsch auch das Büchlein «Dun da Nadel» verabreicht werden. Freiwillige Gaben zu diesem Zwecke sind, wie letztes Jahr, im Gemeindebureau abzugeben.


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